01. September 2008

Egoismus Gesunde Bescheidenheit oder ungesundes Selbstwertgefühl

Für erfolgreiche, aber bescheidene Menschen ist „Ich“ das wichtigste im Leben

Vielfach wird dem strikten Liberalismus vorgeworfen, den Egoismus zu fördern oder gar zu fordern. Oft unterscheiden die Kritiker dabei nicht zwischen gesundem und ungesundem Egoismus. So entsteht das Zerrbild einer Ideologie, die nur für die Rücksichtslosen gut ist. Andererseits sagt aber schon der gesunde Menschenverstand, dass eine gewisse Form von Egoismus für das schiere Überleben eines Individuums unverzichtbar ist. Bei einem solchen Vorwurf ist also erstens zu fragen, welcher Egoismus gemeint ist und es ist dann zweitens zu fragen, ob eine Realisierung des Liberalismus diesen Egoismus fördert oder nicht.

Den Unterschied zwischen gesundem und ungesundem Egoismus hat der Amerikaner M. Scott Peck in seinem Buch „Further Along the Road Less Travelled“ aufgezeigt. Im Kapitel „Self-Love versus Self-Esteem“ beschreibt der Psychiater, Psychotherapeut und Bestsellerautor, wie in seiner Zeit als Armeepsychiater eine Gruppe von besonders erfolgreichen Menschen untersucht wurde. Zweck der Untersuchung war, festzustellen, was es ist, was erfolgreiche Menschen antreibt. Diese Menschen waren vom Alter her Ende dreißig bis Anfang vierzig und waren alle „zeitlich vor ihren Altersgenossen befördert worden, schienen jedoch auch sehr beliebt zu sein. Jene mit Familie schienen ihr Familienleben zu genießen; ihre Kinder hatten gute Noten in der Schule und waren gut integriert. Diese Leute schienen das Glück gepachtet zu haben.“

Ein Teil der Untersuchung bestand darin, diese Individuen danach zu befragen, was die drei wichtigsten Dinge in ihrem Leben waren. Bei der Beantwortung dieser Frage waren zwei Phänomene bemerkenswert, beobachtete Peck: „Das erste war die Ernsthaftigkeit, mit der sie die Aufgabe angingen. Der erste, der seinen Antwortbogen abgab, brauchte weit mehr als vierzig Minuten, und ein Teil der Leute nahm sich mehr als eine Stunde Zeit, obwohl sie wussten, dass die meisten aus der Gruppe fertig waren. Die andere bemerkenswerte Angelegenheit war, dass, während die zweiten und dritten Punkte auf ihren Listen alles mögliche beinhalteten, alle zwölf als ersten Punkt exakt die selbe Antwort gegeben hatten.“ Diese Antwort lautete nicht „Liebe“, oder „Gott“, oder „Meine Familie“, sondern „Myself“, also „Ich“.

Als Gegenbeispiel dazu berichtet Peck im selben Kapitel von einem seiner Patienten, den er, ohne in die Einzelheiten zu gehen, als bösartig beschreibt. „Es ist schwer, solchen Menschen nahe zu kommen, doch ich konnte sein Vertrauen so weit gewinnen, um ihn zu fragen, was das wichtigste in seinem Leben sei.“ Die Antwort lautete: „My self-esteem“, also „mein Selbstwertgefühl“ oder „meine Selbstachtung“. Obwohl es keinen allzu großen Unterschied zwischen dem Selbstwertgefühl und der als „Ich“ bezeichneten eigenen Person zu geben scheint, drücken diese zwei Begriffe, wenn sie im Kontext einer Werteskala gestellt werden, grundsätzliche Unterschiede in der Lebenseinstellung aus. Wer sein eigenes Selbst so sehr liebt, dass er es an die erste Stelle seiner Werteskala stellt, der liebt dieses Selbst trotz seiner erkennbaren Fehlerhaftigkeit – ein solcher Mensch ist grundsätzlich bescheiden. Dagegen wird jemand, dem seine Selbstachtung das wichtigste ist, alles tun, um diese zu schützen und wird Fehler entweder nicht eingestehen, verdrängen oder vertuschen – mit allen nachteiligen Folgen für sich und seine Umwelt. Ein solcher Mensch verhält sich oft großspurig und rücksichtslos.

Bei der Verwirklichung eines strikten Liberalismus, also eines Gesellschaftssystems entweder ohne Staat oder mit einer Regierung, deren Existenz man kaum spürt, würde welcher Egoismus wohl mehr gefördert? Der gesunde oder der ungesunde? Tatsache ist jedenfalls, dass es kein „besseres“ Betätigungsfeld für den ungesunden Egoismus gibt als den Staat. Wo sonst, als dort, wo man sich mittels eines umfassenden Gewaltmonopols effektiv vom Wettbewerb abgeschottet hat, kann ein falsches Selbstwertgefühl besser gepflegt werden? In der Politik jedenfalls haben es im Leben ansonsten erfolgreiche, aber bescheidene Menschen sehr schwer.

Internet:

Wikipedia-Eintrag über M. Scott Peck


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Robert Grözinger

Über Robert Grözinger

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige