28. August 2008

Filmbranche Die neue Macht der Fans

Entsteht ein staatsfreier Urheberrechtsschutz?

Dass der „Spiegel“ das Internet doof findet, hat er mit seiner Nummer 33/2008 auch dem letzten Leser klargemacht. Es ist natürlich schmerzlich, wenn einem Marktanteile an ein neues Medium verloren gehen. Doch mehr als der Verlust des schnöden Geldes der ehemaligen Abonnenten und Anzeigenkunden schmerzt die Journalisten des Hamburger Nachrichtenmagazins die Schwächung ihres politischen Einflusses. Die Nutzer des Internets sind dabei, mit Hilfe eben dieses Mediums die Meinungs- und somit politische Macht, die bislang in einem Oligopol weniger Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsendern konzentriert war, zu dezentralisieren.

Die klügeren Leute beim „Spiegel“ wissen das. Sie wissen auch, dass dieser Trend unumkehrbar ist. Daher das allgemeine Lamento und die halbherzigen Angriffe auf das World Wide Web, das sie ja selber nutzen. In einer unangenehmen, aber unausweichlichen Situation sucht man sich automatisch Leidensgenossen. Die hat das Magazin jetzt gefunden: Die Filmhersteller. Der „Spiegel“ Nr. 34/2008 vom 18. August 2008 berichtet über den Machtzuwachs, den Filmfans aufgrund des Internets gegenüber Filmproduzenten und Regisseuren errungen haben. Die Fans, so beschwert sich das Nachrichtenmagazin, fordern bei Roman- oder Comicverfilmungen „Treue gegenüber dem Original“. Die Filmemacher laufen daher Gefahr, von den Fans „in kreativer Hinsicht gefangen genommen zu werden“, wird das ebenfalls vom Internet gebeutelte „Time Magazine“ zitiert. Autor Lars-Olav Beier befürchtet aufgrund dieser Entwicklung, dass Hollywood von einem „Konservatismus“ übernommen wird, der „in der verspielten Postmoderne nur noch eine glücklicherweise überwundene Dekadenzphase der Kunst erblicken kann.“

Ist es wirklich beklagenswert, wenn Verfilmungen sich in Zukunft stärker als bislang am Original orientieren müssen – „ironiefrei“, wie Beier lamentiert? Oder ist es statt dessen zu begrüßen, dass sich, mit Hilfe ausgerechnet des Internets, über den Markt ein staatsfreier Urheberrechtsschutz etabliert? Ist es ein Verlust, wenn „ironiebegeisterte“ Künstler nicht mehr die Werke anderer verhunzen können, ohne hunderttausende Protest-E-Mails und Boykottaufrufe in Internetforen befürchten zu müssen? Ist es wirklich so schlimm, dass sie, wenn sie „kreativ“ sein wollen, in Zukunft eher eigene Werke entwickeln müssen, statt das geistige Eigentum anderer bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen? Sicher, die Interpretation gehört zum Werk dazu – aber es gibt keinen Grund, weshalb sich der Interpret nicht ebenso den Kräften und den neuen Technologien des Marktes stellen sollte wie der ursprüngliche Künstler auch.

Die jüngste Entwicklung in der Filmbranche bestätigt eine These des Ökonomen und Soziologen Hans-Hermann Hoppe, der in seinem Buch „Demokratie – der Gott, der keiner ist“ darlegt, dass jede Dezentralisierung von Macht eine Stärkung kulturkonservativer Trends in der Gesellschaft zur Folge haben muss. In der Medien- und Kulturwelt ist dieser Trend, wenn auch längst nicht vorherrschend, so doch schon spürbar. In den USA gibt es mit der „Ron Paul Revolution“, wo allein mit Hilfe von Internetnutzern ein freiheitlich-konservativer Präsidentschaftskandidat viel länger im Rennen blieb und seine Anliegen weit größere Verbreitung finden, als sonst möglich gewesen wäre, sogar in der politischen Welt einen ersten entsprechend Ansatz. Das Internet macht nicht doof, wie der „Spiegel“ behauptet, sondern verschiebt lediglich das Machtgleichgewicht. Weg von den Wenigen, hin zu den Vielen.

Informationen: 

Lars-Olav Beier: „Fundamentalisten des Films“ im „Spiegel“ Nr. 34/2008

Hans-Hermann Hoppe: „Demokratie – der Gott, der keiner ist“


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