27. August 2008

Staatliche Dreifaltigkeit (1) Macht, Volk, Land

Zur historischen Quelle territorialer Gewaltmonopole

Gedanken über den Ursprung des Staates – so lautet der Titel des von Hans-Hermann Hoppe am 25. Mai 2008 in Bodrum gehaltenen Vortrages, in gedruckter Form nachzulesen in ef Nr. 84. Dabei konzentriert sich der Vortragende auf die Widerlegung der etablierten Legitimationsstrategien des, wie er durchaus zutreffend schreibt, „Monopolisten letztgültiger Schiedsgerichtsbarkeit innerhalb eines gegebenen Territoriums“. Bei allen dann folgenden Darlegungen wird jedoch bereits stillschweigend von der Existenz territorialer Macht ausgegangen, der Staat als Institution allemal vorausgesetzt. Auch ohne Kenntnisse über dessen eigentlichen, historischen Ursprung bleiben natürlich die Derivate der Macht, von den einfachen Herrschaftsakten bis hin zu den komplexen Rechtfertigungsmodellen der Theorien Öffentlicher Güter und Externer Effekte, bis in die Gegenwart wirksam. Die Absicht des Vortragenden war es auch weniger, historische Spurensuche zu betreiben als vielmehr dem Leser ein Werkzeug in die Hand zu geben, um den historischen Folgen intellektuell entgegen wirken zu können. Dennoch lohnt sich ein Blick auf jene Protagonisten der menschlichen Spezies, die vor tausenden von Jahren wohl ohne die Dimension ihres Tuns zu erahnen, das Antlitz der Welt und das Zusammenleben der Menschen für immer veränderten.

Der Staat – eine Definition

In seinem Aufsatz „Politik als Beruf“ definiert der deutsche Soziologe Max Weber den Staat „als eine Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebietes das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) in Anspruch nimmt“. Sie gleicht damit funktional der obigen Definition des Ökonomen Hans-Hermann Hoppe. Und seit der weltweiten Etablierung von Georg Jellineks Drei-Elemente-Lehre ist es unter Juristen und Staatswissenschaftlern unumstritten, dass es im Wesentlichen drei Voraussetzungen sind, die einen Staat konstituieren: eine Macht, ein Territorium und ein Volk. Nebenbei bemerkt resultiert aus diesem Verständnis heraus auch die Schwierigkeit staatlicher wie supranationaler Organisation mit Regionen und Gruppen, die diesen Kriterien nicht entsprechen. Es sei dabei an Somalia in der letzten und Afghanistan in der aktuellen Dekade verwiesen. Die vollkommene Hegemonie der Jellinekschen Elementen auf dieser Ebene mündet dann natürlich in dem Bestreben, überhaupt irgendeine Form staatlicher Ordnung schnellstmöglich zu (re-) konstituieren. Wegen ihrer überragenden Bedeutung, klaren Strukturierung und guten Überprüfbarkeit werden die folgenden Ausführungen unter Bezugnahme auf diese drei Elemente erfolgen.

Voraussetzung der Staatenbildung

Zwei der drei Kriterien grenzen die Suche nach dem Ursprung des Staates zeitlich bereits beträchtlich ein. Sowohl das Territorial- als auch das Staatsvolkprinzip bedingen als Voraussetzung bereits sesshafte Gesellschaftstypen. Folgerichtig war die klassische Staatsstruktur in jenen Gebieten der Erde völlig unbekannt, wo das Jäger- und Sammlerdasein die archaischen Stammesgesellschaften noch ausreichend versorgen konnte, zum Beispiel bei den Aborigines in Ozeanien und diversen Stammeskulturen Nordamerikas, -europas und Afrikas. Dort, wo menschliche und natürliche Einflüsse die existente Flora und Fauna in dem Maße modifizierte, dass sie dem Menschen eine Änderung der materiellen Lebensgrundlage aufzwangen, etablierten sich zunehmend sesshafte Lebensformen. Warum auch sollten erfolgreiche Jägerpopulationen ihre Reproduktionsweisen ändern? Dies war ja nur dort erforderlich, wo ein Mangel an Jagd- und Sammelobjekten, also Knappheit statt Überfluss, zu neuen Methoden nötigte – insofern ist der ja auch biblisch beschriebene Prozess des Paradiesverlustes durchaus wörtlich zu nehmen. Die neolithische Revolution und die damit verbundene Sesshaftigkeit zwang in der Folge jedoch nicht nur zur Lagerhaltung, sie ermöglichte auch materielle Kapitalisierungsprozesse, da sie sowohl die zeitlichen als auch räumlichen Voraussetzungen hierfür schuf, die Jägern und Sammlern notwendigerweise versagt blieben. Letztere konnten nur in dem Umfang Güter ansammeln, wie sie zu tragen in der Lage waren. Dies schloss selbstverständlich auch die Anzahl des zu bewältigenden Nachwuchses und damit mittelfristig die Bevölkerungsdichte ein. Materielle Akkumulation und menschliche Überzahl verdrängten daher zunehmend die Jäger- und Sammlerkulturen vor allem dort, wo fruchtbare Böden die Landnahme lukrativ erscheinen ließen. Dieser Prozess darf jedoch über eines nicht hinwegtäuschen: Ebenso wie das Rousseau’sche Ideal vom edlen Wilden in den frühen Jäger- und Sammlerkulturen niemals gefunden werden konnte, legte die neolithische Revolution keineswegs den Grundstein für die Institutionen Eigentum und Vertrag. Nach wie vor war die Stammesgesellschaft absolut vorherrschend, deren Konfliktausgleich, auch materielle Produktion und Verteilung betreffend, über tradierte Sitten und Bräuche, geknüpft durch das Band der (Bluts-) Verwandtschaft, erfolgte. Selbstverständlich kannten diese frühen Bauern individuellen, persönlichen Besitz, jedoch eben niemals ökonomisch verwertbares Eigentum. Allerdings schufen die neuen Produktionsmethoden erstmalig in der Menschheitsgeschichte eines: Nennenswerte materielle Überschüsse in klar umrissenen Gebieten.

Mittel- und heimatlose Marodeure

Nach Herausbildung ausreichend dichter und sesshafter sowie materiell konstant gesättigter Menschenansammlungen stellt sich die Frage nach der Etablierung des noch fehlenden Elements der Staatsmacht. Schließlich bedingt landwirtschaftliche Produktion in Familien- bzw. Stammesverbänden ja eben nicht das Vorhandensein formalisierter Machtstrukturen, sie geht historisch folglich immer und überall voraus und setzte sich bisweilen gegen diese sogar erfolgreich zur Wehr. Beispielsweise konnten die Germanen ihre tradierte Stammeskultur gegen das imperiale, selbst bereits staatlich organisierte, Rom bis zu dessen Ende verteidigen und letzteres sogar mehrfach überrennen, bevor beide zusammen im Mittelalter in die dann allerdings gesamtstaatliche Struktur des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation überführt wurden. Es erforderte also besondere Faktoren, die weit über den reinen und häufigen Kampf Stamm gegen Stamm inklusiv Flucht, Assimilierung oder eben Tötung der Verlierer hinausgehen mussten.

Was könnte ein Hauptfaktor gewesen sein? In diesem Fall kristallisieren sich tatsächlich  klimatische Veränderungen als eine der ganz wesentlichen Ursachen heraus. Es könnten dieselben oder zeitlich nachfolgenden Umwelteinflüsse gewesen sein, die zwar einerseits im Mittelmeerraum bzw. Mesopotamien die Landwirtschaft hervorbrachten, andererseits in Zentralasien zu nicht unerheblichen Wanderungsbewegungen führten. Jedenfalls sind letztere für bereits das Pferd als Reittier nutzende, indogermanische Volksstämme in Folge einer außerordentlichen Verschlechterung der klimatischen Bedingungen, das heißt Abkühlung, hinreichend belegt. Und immer, wenn sich ausreichend große und hinreichend mittellose Menschenmengen in Bewegung setzten, wird auch Geschichte geschrieben. Da eine relativ hohe Bevölkerungsdichte in Verbindung mit sichtbaren materiellen Überschüssen die unangenehme Eigenschaft haben, überhaupt erst die Voraussetzung für eine tributäre Ausbeutung, also Raub ohne Tötung der Opfer, zu schaffen, war der Zusammenstoß vagabundierender (Vieh-) Nomaden und sesshaft produzierender Ackerbauern eine fast logische Konsequenz – interessanterweise annähernd ähnlich den wiederum sehr bekannten Konflikten tausende Jahre später im “wilden“ Westen der USA. Auch die biblische Genesis thematisiert erneut dieses Aufeinanderprallen in der Rivalität zwischen dem Bauern Kain und dem Hirten Abel, wobei im 1. Buch Moses der Hirte letztlich unterliegt, was in der Realität jedoch die Ausnahme gewesen sein dürfte, zu groß war die militärische Überlegenheit berittener, (fern-) waffenerprobter Nomaden gegenüber einer bäuerlichen Hobbyinfanterie. Es sei denn, letztere erkaufen sich professionelle Unterstützung. Denn gerade an armen, kriegerischen und entschlossenen Männern herrschte bereits damals kein Mangel. Sowohl die wanderungswilligen Bewohner karger Höhenlagen als auch die rituell in schlechten Zeiten bzw. regelmäßig von Stämmen und Clans verstoßenen jungen Männer bildeten einen idealen Rekrutierungspool für das zumindest mit älteste Gewerbe der Welt, das Söldnertum. Und bekanntermaßen wird es schwer, die Geister die einmal gerufen wurden, wieder los zu werden, insbesondere dann, wenn diese sich der Vorteilhaftigkeit der eigenen Position bewusst werden. Dennoch dürfte der letzte Fall nicht der Regel entsprochen haben, denn im Zweifel konnten besagte Söldner ohne die mit dem Kampf einhergehenden Unsicherheit von den ihnen zugedachten Gegnern kurzerhand abgeworben werden – vorausgesetzt, die nunmehr gefahrlos einzubringende Beute war groß genug. Dennoch sollte dieser Berufsstand bis in die Gegenwart überdauern. Ebenfalls eher selten dürfte sich die Herausbildung staatlicher Strukturen aus sich selbst heraus ereignet haben, also die allmähliche Verfestigung kulturspezifischer Umverteilungszeremonien durch Stammesälteste, die es zweifellos gegeben hat, zu herrschaftlichen Strukturen. Dagegen sprechen die tatsächlichen Befunde, nach denen Häuptlingen oder Ältesten eben keine Amtsautorität sondern personenbezogene Ehrerbietung zuerkannt wird, sie mithin nicht herrschen, sondern führen. Dort also, wo tatsächlich kulturelle Brüche zu verzeichnen sind, dürften ebenfalls äußere, gewaltinduzierte Notsituationen den Anstoß gegeben haben, im Zuge deren Eliminierung erfolgreichen Kriegern dauerhafte Privilegien zugesprochen wurden – oder diese sie sich selbst zusprachen.

Gut dokumentiert ist der Prozess der Staatswerdung im Rahmen der Entstehungsgeschichte einer der am straffsten organisierten öffentlichen Ordnungen der Antike überhaupt: Sparta. Es ist unklar, ob indogermanische Stammesangehörige oder kleinasiatische Griechen, selbst wiederum Heimatlose als Folge von Wanderungsbewegungen, in vermutlich kleiner Anzahl in die südliche Peloponnes einfielen. Unumstritten ist jedoch, dass es ihnen gelang, die bereits sesshaften, vorindogermanischen Pelasger zu unterwerfen und in eine klassische feudale Ordnung zu zwingen. Die entwaffneten Eroberten, fortan Heloten genannt, wurden an ihre Scholle gebunden und waren den Spartiaten abgaben- und frondienstpflichtig. Die Spartiaten wiederum konzentrierten sich auf die Verteidigung des territorialen Gewaltmonopols, Voraussetzung zur Generierung und Vereinnahmung der Abgaben, deren Höhe einer vermuteten Quote von ca. 50% entsprach – also in etwa der heutigen, direkten bundesdeutschen Steuer- und Abgabenlast auf unselbständig erzielte Einkommen. So heißt es dann auch stellvertretend in einem bronzezeitlichen kretischen Lied: "Mein Reichtum ist mein Spieß und mein Schwert, und der kräftige Schild, der meinen Leib schützt; damit pflüge und ernte ich, damit keltere ich den süßen Wein aus der Traube, und sie machen mich zum Herrn über meine Leibeigenen."

Übrigens auch aus geschlechtsspezifischer Sicht ist der Aufstieg Spartas interessant, handelte es sich bei besagten Einwanderern doch ursprünglich um eine matrilinear (!) geprägte Stammeskultur. Folgerichtig konnte die raffinierte Weiblichkeit nun einerseits auf ein Arbeitsheer eingeborenen Heloten zur Versorgung sowie andererseits auf ein Soldatenheer gedrillter und sprichwörtlich genügsamer Spartiaten zur Verteidigung zurückgreifen. Damit nun war der staatlich Dreiklang komplett, Volk, Territorium und Macht eins. Politik als Lehre von der Staatsführung und Anwendung derselben ist also, wie es Gerard Radnitzky so treffend formulierte, im wahrsten Sinne des Wortes das Kainsmail im Zusammenleben der Menschheit. Ergänzend sei hinzugefügt: Sie wurde auch zum größten unterschätzte Lebensrisiko der Menschheit.

Der zweite Teil des Beitrages erscheint in ef-online am 03.09.2008.


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