20. August 2008

Bundestag Aktivität als Antiindikator

Politische Börsen haben doch lange Beine

Das ist in der Tat mal etwas ganz neues, etwas noch nie da Gewesenes. Eine Form der Einkunftserzielung die zwar durch die Politik erfolgt, ohne jedoch von ihr beziehungsweise auf Kosten Dritter zu leben. Geht nicht? Geht doch! Allerdings erst einmal nur in den USA. Und um es auch gleich vorwegzunehmen, es handelt sich um keine vertrackte Konstruktion von Juristen für Steuersparer, kein verkapptes Schneeballsystem und auch kein todsicheres Cash-to-Cash-Geschäft.

Nein, es ist viel simpler, eigentlich so simpel, dass es erstaunt, dass noch niemand vorher darauf gekommen ist. Zum Hintergrund: Unter der Voraussetzung, dass Politikversagen ein systematischer Bestandteil herrschaftlicher Machtausübung ist, strahlen die Auswirkungen ja auch auf die ökonomische Entwicklung aus. Und da fast alle politischen Entscheidungen direkt oder indirekt an den Stellschrauben ökonomischer Perspektiven drehen, müsste dieser umgekehrt proportional Zusammenhang überprüfbar sein. Vorausgesetzt, es lassen sich sowohl ein politischer als auch ein ökonomischer Parameter identifizieren, die relativ eindeutig messbar sind. Nun, der ökonomische Parameter ist hinlänglich bekannt, denn mit der Wertpapierbörse ist ja bereits jene Institution etabliert, in der Zeit gegen Geld gehandelt werden, sprich, wo über den gewichteten Ausgleich unterschiedlicher Meinungen bezüglich der Zukunft eine tendenziell realistische Einschätzung derselben abgegeben wird. Doch woher und wie den politischen Indikator gewinnen? Hier hat sich ein gewisser Herr Eric Singer, langjähriger Kenner und ausgewiesener Experte der praktischen Finanzmaterie, die englische Weisheit „Eigentum und Freiheit sind in Gefahr, so lange das Parlament tagt“ zu Herzen genommen und wortgetreu umgesetzt. Er definiert Politikversagen als gleichsam permanentes Phänomen politischer Entscheidungen, was bedeutet, dass immer dann, wenn politische Entscheidungsträger tagen, die von der Börse vorweggenommene künftige Entwicklung negativ ausfallen muss. Umgekehrt heißt das, dass immer dann, wenn mangels Parlamentssitzungen kein politisches Ungemach drohen kann, sich diese zeitweilige Kalkulierbarkeit positiv in den Kursen widerspiegeln sollte.

Der Vorteil dieser Methode ist ihre gute empirische Überprüfbarkeit. Diese erfolgte auch durch eine Simulation auf Basis historischer Werte für den Zeitraum 01.01.1965 bis 31.07.2007 für den S&P 500, einem Perfomanceindex der Firma Standard & Poor’s, der die Entwicklung der 500 größten Unternehmen der USA exklusive Dividenden zusammenfasst. Der Zeitraum ist bezüglich der Schwankungsintensität lang genug gewählt, enthält das Ende einer Wachstumsphase, die folgende Periode der Stagflation, den Boom der ausgehenden 80er und 90er Jahre, den Bust nach dem Platzen der Internetblase sowie die zwischenzeitige Erholung und den Beginn der Hypothekenkrisen. Das Ergebnis: Eine Strategie, die regelmäßig zu 100 Prozent in den Index investiert, wenn der Kongress außer Dienst ist, und zu 100 Prozent in Liquidität wechselt, sobald er tagt, hätte in den vergangenen 43 Jahren eine annualisierte Rendite von durchschnittlich 17,6 Prozent erwirtschaften können, wobei die Rendite ausschließlich aus den realisierten Wertsteigerungen berechnet wurde und keine potenziellen Zinszahlungen beinhaltete. Eine reine „Buy-and-hold“ Strategie hingegen hätte, bezogen auf den S&P 500, lediglich eine durchschnittliche Jahresperformance von 6,86 Prozent erzielt. Die Differenz über einen so langen Zeitraum ist damit statistisch signifikant und nicht dem reinen Zufall geschuldet. Dabei ist die erste Variante auch noch schwankungsärmer, da durchschnittlich nur in 35 Prozent der Tage in den Aktienmarkt investiert werden musste, dass heißt, gute zwei Drittel der Zeit war das Kapital der Marktvolatilität gar nicht ausgesetzt. Interessant ist allerdings auch die konträre Strategie: Um lediglich 1,6 Prozent pro Jahr wäre eine Anlage gestiegen, die ausschließlich in den Sitzungsperioden des Kongresses investiert gewesen wäre. Abzüglich der durchschnittlichen Inflationsrate wären so also effektiv Verluste generiert worden. Politik als Wertevernichter sozusagen, schau an, schau an.

Welche Systematik vermutet der Gründer selber hinter dem von ihm dann auch so benannten „Congressional Effect“? Eric Singer zitiert einen der Gründerväter der USA, Thomas Pain: „That government is best that governs least“, politische Debatten verursachen also Kosten, die sich sofort niederschlagen. Dazu führt er unter anderem ein aktuelles Beispiel an: Als am 24. Oktober 2007 das House of Representatives eine Anhörungen zu möglichen Ansätzen einer Reform des Hypothekenwesens und der Unterstützung fallierender Kreditschuldner durchführte, fiel Tags darauf der Investors Business Daily Group 196 Index, der hauptsächlich Kreditdienstleister enthält, um 3,2 Prozent. Allerdings führt er auch ein Gegenbeispiel aus dem Jahr 1997 an, in dem die tatsächlich beschlossene Senkung der Kapitalertragsbesteuerung durch dasselbe Gremium seine Bilanz verhagelt hätte. Doch seinen wir ehrlich, wie oft werden Steuern erhöht, wie oft gesenkt …

Ein Grund für diese statistische Auffälligkeit dürfte indes in der Verteilung der Höhe und Häufigkeit von Gewinnen und Verlusten in Aktienindizes liegen. Grob gesagt liegt hier eine Form der Paretoverteilung oder 80-zu-20-Regel vor, die besagt, dass zum Beispiel 80 Prozent der relevanten Kursschwankungen an 20 Prozent der Tage realisiert werden. Und in Wirklichkeit ist es an der Börse oft noch extremer, die wesentlichen Gewinne und Verluste werden an ganz wenigen Tagen eingefahren. Zudem ist zu beachten, dass Verluste wesentlich schwerer wiegen als Gewinne, so benötigt ein Anleger nach einem Verlust von 20 Prozent einen Gewinn von 25 Prozent, nur um wieder auf die Ursprungssumme zu kommen, bei 50 Prozent Verlust sind es gar 100 Prozent Gewinn. Wenn diese mathematischen Daten mit der Tatsache verknüpft werden, dass im demokratischen Entscheidungsfindungsprozess alle Parteien mit Maximalforderungen in ihre Sondierungsgespräche gehen, die natürlich mittels Nachrichtenagenturen schnell den Weg in die Finanzmärkte finden, dann könnte das die Überperformance einer auf dem „Congressional Effect“ basierenden Anlagetaktik erklären. Kommt also ein wirtschaftspolitisches Thema auf die Agenda, wird dies zunächst öffentlichkeitswirksam durch Maximalforderungen der aufgreifenden Partei, sei es in Geld oder durch Regeln, angegangen – die unterlassenden Parteien oder Politiker sind zunächst irrelevant. Dies wirkt sich, und sei es nur als potenzielles Risikoszenario, unmittelbar auf die Einschätzung bezüglich der betroffenen Branche aus. Der dann ausgehandelte Kompromiss ist meist nicht mehr so schlimm wie befürchtet und die Unruhe legt sich. Da das Primat der Politik immer schwerer lastet als die eben politisch manipulierbaren Erfolgsgrößen eines Unternehmens, können im Umkehrschluss positive Entwicklung, Meldungen und Aussichten am besten in einem Klima der Kontinuität ihre Wirkung entfalten und in den Kurs eingepreist werden, wenn also kein parlamentarisches Ungemach droht. Politische Börsen haben somit zwar kurze, aber mitunter heftige Beine, deren strampeln man sich entziehen kann, indem nur investiert wird, wenn keine Gefahr besteht, getreten zu werden. Aber Achtung: Wie jede Theorie über den Verlauf künftiger Kursentwicklungen sind auch die Handlungsempfehlungen der hier vorliegenden nicht mit ihrer weiten Verbreitung kompatibel. Spätestens, wenn sie zum Gemeinplatz der Anlegergemeinde verkommt, ist jeglicher Erkenntnisgewinn perdu, können die von der Theorie prognostizierten Entwicklungen nicht mehr vorweg genommen werden, da sie eben jeder bereits kennt.

Für den einzelnen Anleger ist diese Strategie jedoch nur schwer beziehungsweise teuer zu realisieren, da zum Teil bis zu zwanzigmal im Jahr umgeschichtet werden muss. Dies lässt sich preiswert nur über Derivate oder ähnliche Instrumente abbilden. Daher hat Eric Singer für alle Interessenten einen Publikumsfond gegründet, der die oben skizzierte Strategie genau abbildet. Dieser ist unter dem Namen „Congressional Effect Fund“ seit dem 23. Mai 2008 ab einer Einmalzahlung von 1.000 US-Dollar unter der US-Wertpapierkennnummer (CUSIP) 207267105 direkt über die Fondsgesellschaft erhältlich. Erfreulich: Es wird kein Ausgabeaufschlag erhoben. Unerfreulich: Die jährliche Managementgebühr beträgt 1,99 Prozent vom Fondsvermögen. Steuerlicher Hinweis: Da es sich um eine in Deutschland nicht zum Vertrieb zugelassene Anlage handelt, kann die Besteuerung unter Umständen erheblich von der regulärer Fondbesteuerung abweichen. Wie schwer indes das Währungsrisiko wiegt, kann nicht prognostiziert werden, aber vielleicht lohnt es sich auch, bezüglich der Währungskomponente den Sitzungskalender des Offenmarktausschusses der FED unter die Lupe zu nehmen.

Und apropos Sitzungskalender, für den 16. September 2008 ist die erste Zusammenkunft des Bundestages nach der Sommerpause angesetzt …

Haftungsausschluss

Die obigen Ausführungen dienen ausschließlich der Information und stellen ausdrücklich weder eine Aufforderung noch ein Angebot oder eine Empfehlung dar, den hier dargestellten Investmentfond zu kaufen, zu verkaufen oder in sonstiger Art und Weise zu handeln. Zu rechtlichen und/oder finanziellen Fragen und Anlagen fragen Sie den Rechtsanwalt, Steuerberater, Banker oder professionellen Berater Ihres Vertrauens.

Internet

Congressional Effect Fund

Die nächsten Sitzungen des Bundestages


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