06. August 2008

CO2 Der Minister und sein Klimabataillon

Über die Wiederentdeckung des archaischen Opferkults

Lateinamerikanische Belletristik wird ja leider allzu oft auf den bekennenden Kommunisten und Máximo-Líder-Bewunderer Gabriel García Márquez reduziert. Dies brachte ihm bereits vor über 20 Jahren den Titel „Höfling Castros“ seitens des ihm in geneigter Feindschaft zugetanen Schriftstellerkollegen Mario Vargas Llosa vor dem versammelten PEN-Kongress ein. Allein diese wohltuende Abwehr vom Hofintellektuellentum wirft auf letzteren und sein Werk nicht nur ein bezeichnendes Licht, sondern eröffnet der am hispanischen Roman interessierten Leserschaft einen alternativen Weg zur literarischen Erschließung des Subkontinents. Aus dem reichhaltigen Schaffen dieses Autors sei an dieser Stelle seine beißende Militärsatire „Der Hauptmann und sein Frauenbataillon“ empfohlen, ein Werk, in dessen Zentrum der loyale und überaus korrekte Hauptmann Pantaléon Pantoja den Spezialauftrag seitens der Armeeführung erhält, für die im peruanischen Urwald stationierten und hormonell unausgeglichenen Truppen ein bewegliches Feldbordell aufzubauen und in Betrieb zu nehmen. Mit generalstabsmäßigem Organisationstalent und der Präzision eines Scharfschützengewehrs führt er den Auftrag aus, stets unter Einhaltung des militärtypischen, bürokratischen Meldewesens, das, in diesem Zusammenhang natürlich eine unnachahmlich groteske Wirkung ausstrahlend, weite Passagen des Buches ausmacht.

Interessant an diesem Roman ist jedoch nicht nur die Haupthandlung, die Reflexion von Loyalität, Integrität, Verantwortung und Schuld, viele parallele Handlungsstränge geben Einblick in die teils archaischen Relikte der überlebenden, indigenen Kultur die sich mit den moderneren Elementen der neuzeitlichen, europäischen Eroberer vermischt hat. Eine dieser Parallelhandlung, die sich fast über das gesamte Buch erstreckt, thematisiert eine von den Tiefen des tropischen Urwaldes ausgehende Kreuzigungsbewegung des selbsterklärt heiligen Bruders Francisco. Dieser propagiert eine in zunehmenden Maße erfolgreiche Erlösungslehre, die sich der Durchführung blutiger Opferzeremonien bedient, indem Tiere, vorzugsweise Geflügel, zunächst an Kreuze genagelt um danach aufgestellt und angebetet zu werden und die durch das Opfer einen gottähnlichen Status erlangen. Die Situation gerät schließlich außer Kontrolle, nachdem anstatt der Tiere ein Kleinkind diesem Ritus anheim fällt, welches fortan in der Bevölkerung Verehrung als heiliges Wesen erfährt. Da es sich bei dieser Erzählung keineswegs um das geistige Produkt sondern vielmehr um Beobachtungen des Autors selbst handelt, stellt sich die Frage nach der Bedeutung dieses zeremoniellen Opferkultes. Handelt es sich um schizophrene Schöpfungen fiebriger Sumpfbewohner unter dem Einfluss der gleißenden, tropischen Sonne? Oder spiegeln sich in dem Verhalten lediglich die Reste uralter, tradierter Rituale wider?

Bereits bei unseren frühen Vorfahren, die als Jäger und Sammler in dünn besiedelten Weiten ihrer nomadischen Lebensweise nachgingen, sind Formen spiritueller bzw. religiöser Kulthandlungen nachweisbar. Insbesondere diverse Formen der Ahnenkulte werden ja bis heute in primitiven Stammesgesellschaften an den verschiedensten Orten der Welt gepflegt. Doch warum ist dies so? Eine mögliche Erklärung liegt in Art und Weise, wie existenzielle Notlagen überwand werden mussten. Prinzipiell bieten sich dafür ja immer zwei Möglichkeiten an: Kampf oder Flucht. Beide Strategien müssen jedoch scheitern, wenn sich die Situation einer aktiven Beeinflussung entzieht, was zum Beispiel regelmäßig bei Hunger- oder Naturkatastrophen der Fall ist. In solchen Notzeiten lag es nahe, auf jene, die am wenigsten zum Fortbestand der Gruppe beitragen konnten, zu verzichten. Der Gerontozid, also die Tötung bzw. Selbsttötung alter Gruppenmitglieder, war ein hierfür weit verbreitetes Mittel. Allerdings sind Todeskonfrontationen, zumal wenn sie die eigene Elterngeneration betreffen, akute emotionale Belastungssituationen, die ohne Gegenreaktion zur Ausbildung neurotischer Verhaltensmuster führen können, die wiederum dem Überleben der Gruppe nicht sonderlich zuträglich sind. Anstatt also den Tod durch Unterlassung der Versorgung herbeizuführen kann dieser auch in Form eines zeremoniellen Aktes begangen werden, bei dem die durch den Tötungsritus erfahrenen Schuldgefühle mittels Erhöhung der Opfer, also deren Ver-Götterung, Kompensation erfahren. Erst durch die Heiligung erfuhren die Täter Heilung. Solche Riten, die bis in die Neuzeit nachweisbar sind, haben zudem den Vorteil, dass sie, einmal als kultureller Bestandteil des Daseins etabliert, die Widerstandsschwelle vor allem der Opfer gegen das bevorstehende Schicksal aber auch der Täter im Angesicht der zu verübenden Tat, herabsetzt.

Das heutige Europa, Zentrum und Ausgangspunkt der Aufklärung, erforscht zwar solche ehemals existenznotwendigen Rituale zwar mit wissenschaftlicher Akribie, vermag es aber jenen Geistern der eigenen Vergangenheit zu widerstehen? Wohl kaum, hat sich die Psyche des Menschen doch keinen Deut weiter entwickelt. Die Inhalte haben sich geändert, das Muster ist annähernd identisch bestehen geblieben, die komplexe Realität bietet genügend (Schein-) Mysterien, deren mittlerweile weltweite Kultivierung durch das Priestertum in den Parlamenten genau in jener westlichen Welt ihren Anfang nahm. Der Ökologismus avancierte zur neuen opferbasierten Heilslehre und konnte, in diesem Fall tatsächlich sehr „nachhaltig“, jene apokalyptischer Sehnsüchte befriedigen, die aus dem schlechten Gewissen materiell Gesättigter in einer von soviel Mangel geprägten Welt resultieren. Die in dessen Folge abgerungenen Opfer wurden und werden dann konsequenterweise zu Ikonen moderner Weltverbesserungskulte erhoben. Durch allmähliche Einbettung der Handlungen in einen alltäglichen Kontext, durch Normalisierung des Rituellen, wird auch heute noch jene Akzeptanz geschaffen, die jeden Widerstand durch Veralltäglichung zu unterdrücken trachtet. Was in der nationalen Dimension das Dosenpfand, ist auf internationaler Ebene der anthropologische Klimawandel. Hier bedarf es eines hohen Potentials nicht ableitbarer Schuldgefühle um ein so hochkomplexes Phänomen wie das der globalen klimatischen Entwicklung auf eine einzige Variable einzudampfen, die dann auch noch allein durch die Summe der individuellen Verhaltensweisen beeinflussbar sein soll. Handlungspsychologen nennen das „reduktionistische Hypothesenbildung“, eine Sonderform der Flucht in Nischen vor den Herausforderungen der komplexen Realität. So dient dann konsequenterweise die persönliche CO2-Bilanz als individuelles Sündenregister, der Energiepass und Fahrzeugschein als Klima-Debitorenkonto des Eigentums. Fernreisen, Fleischverzicht, Standby-Nutzung, Energiesparlampen, CO2-Zertifikate, Hybridantrieb und erneuerbare Energien sind die zu erbringenden Opfer, die dann auch den Status erlösender Heilbringer erfolgreich einzunehmen vermögen. „Live Earth“ hilft, den Klimateufel aus dem Leib zu grooven, „Licht aus!“ wird zum einleitenden Vorboten für dogmatische Verbote, auf deren Strafbewehrung angesichts der potentiellen Gefährdung des höheren Ziels nicht verzichtet werden kann. Selbst der tatsächlich längst überwunden geglaubten Gerontozid erlebt seine Comeback, mehrere Duzend französischer Senioren, die im August des Jahres 2003 in ihren Altenheimen Opfer der schwülwarmen Hitze wurden, mussten posthum als Opfer des Klimas herhalten um damit die Vernachlässigung familiärer Sitten entschuldigen. Von da ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, die Senkung der Bevölkerung auf ein umweltverträgliches Maß zu fordern, wie es jüngst der "Optimum Population Trust" in Großbritannien vorexerziert hat. Die Umsetzung populationsreduzierender Erlösungsvorstellungen wäre dann tatsächlich jener archaischen, ebenfalls ökoreligös geprägten Aztekenkultur vergleichbar, deren blutige Menschenopferungsriten schließlich auch die Klima- bzw. Wettergötter besänftigen sollten.

Ökologismus im Allgemeinen und „Klimawandel“ im Speziellen sind theologische und keine meteorologischen bzw. biologischen Lehren, die tief verwurzelte, existenzielle Ängste des Menschen bedienen und durch rechten Glauben und opferwillige Tat Erlösung suggerieren. Man wird sie daher auch künftig hart verteidigen, denn „mit dem religiösen Gefühl sind gewöhnlich Unduldsamkeit und Fanatismus verbunden. Sie sind unausbleiblich bei allen, die das Geheimnis des irdischen und himmlischen Glückes zu besitzen glauben.“ (Gustave Le Bon)

Literatur

Harris, Marvin: Könige und Kannibalen; Umschau Verlag, 1978

Vargas Llosa, Mario: Der Hauptmann und sein Frauenbataillon; Suhrkamp, 2005

Internet

Spiegel-Online vom 24.07.2008: Geburtenkontrolle soll Klimawandel stoppen

Optimum Population Trust


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Luis Pazos

Über Luis Pazos

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige