21. Juli 2008

Finanzkrise Schuldige versuchen Ablenkungsmanöver

Über Gerüchte und systematische Verantwortungslosigkeit

Vor ungefähr einem Jahr, als mit der Krise der Bear Stearns Investmentbank das erste Wetterleuchten der heutigen Finanzturbulenzen am Horizont auftauchte, beschwerten sich die Banker, dass es böswillige Gerüchte über fehlende Liquidität gegeben habe. Diese hätten die Krise erst ausgelöst, da die Bank nun keinen Kredit mehr bekam, behaupteten sie. Doch in Wirklichkeit hatten sie sich an „schlechten“ Hypotheken verhoben. An solchen nämlich, die an Hauskäufer vergeben worden waren, die gar nicht die Mittel hatten, die Schulden jemals abzubezahlen. Damals sprang die US-Zentalbank, die Federal Reserve, ein, und gewährte Bear Stearns einen Überbrückungskredit. Schließlich kaufte ihr Konkurrent JP Morgan Chase 49 Prozent der Bear Stearns Aktien zu einem Ramschpreis von 10 Dollar auf, wobei die Fed den Löwenanteil der Verlustrisiken übernahm.

Solche „Stützungskäufe“ eigentlich gescheiterter Banken geschehen aus Angst vor „kaskadierenden Zahlungseinstellungen“. Wenn eine große Bank wie Bear Stearns zahlungsunfähig wird, könnten ihre Kreditgeber zahlungsunfähig werden, was dann eine unkontrollierbare Kettenreaktion von Liquiditätsausfällen zur Folge hätte. Die Geldwirtschaft, und damit die Wirtschaft als Ganzes, käme praktisch zum Erliegen. Nun könnte man einwenden, Kreditgeber müssen doch auf Sicherheiten achten. Das stimmt, im Prinzip. Bei Otto Normalkreditnehmer. Banken hingegen brauchen nur eine sehr niedrige Mindestreserve an Geld vorrätig zu halten. Wenn einer ihrer (großen) Kreditnehmer nicht mehr zahlt, kann es schnell passieren, dass sie ihre eigenen Kredite, zum Beispiel die Investitionen von Otto Normalsparer, nicht mehr bedienen können. Wenn einer von denen etwas abheben will und er auf den nächsten Tag, die nächste Woche oder den nächsten Monat vertröstet wird, dann machen sich natürlich schnell Gerüchte breit, und es kommt zu Bildern wie vor einigen Monaten vor Filialen der britischen Northern Rock Hypothekenbank oder jetzt in Kalifornien vor der IndyMac Bank. „Gerüchte“ sind nicht die Ursache von Finanzkrisen, sondern ihre Begleiterscheinung. Was natürlich nicht ausschließt, dass „böswillige“ Gerüchte auch mal absichtlich gestreut werden, wenn ein Haus schon labil ist. Wenn eine Bank solide ist, können ihr Gerüchte in der Regel nicht wirklich schaden.

Die wirkliche Ursache der Finanzkrise ist daher das sogenannte „Teilreservebankwesen“ in Kombination mit dem „moral hazard“, dem verantwortungslosen Wagemut, den die Existenz eines Kreditgaranten auslöst. Dieser Kreditgarant ist die Zentralbank. Doch kaum ist schon wieder Feuer unter dem Dach der Finanzwelt, suchen die Betroffenen von ihrer Verantwortung abzulenken. Von „kriminellen Elementen“ gezielt gestreute Gerüchte, so berichtet der „Spiegel“ unkritisch, sollen schuld an dem Niedergang der zwei staatlich ohnehin schon gestützten Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac sein; das FBI sei eingeschaltet. Früher und unter anderen Umständen hieß das „Wehrkraftzersetzung“. Offenbar befinden wir uns sozusagen in einem Art Pseudokrieg gegen die Wohlstandsvernichtung. Dumm nur, dass der Feind hier ebenso phantomhaft bleibt wie in den Kriegen gegen den Terror, die Drogen und die Armut.

Ein Gerüchtestreuer ist jedoch schon enttarnt worden – in der Politik. Es sind daher keine wirksamen Konsequenzen zu erwarten. In Großbritannien, wo sich mangels einer akuten Firmenkrise – Northern Rock ist inzwischen verstaatlicht worden – die volle Aufmerksamkeit auf die gestiegene Inflationsrate richtet, schlug der Premierminister vor wenigen Wochen vor, die Briten sollten nicht so viel von ihrem Essen wegschmeißen, dann müssten sie auch nicht so viel kaufen und die Lebensmittelpreise würden nicht so stark ansteigen. Die Kommentare und Karikaturen hierzu in der Presse waren vernichtend. Und somit sind die Erwartungen gestiegen, dass es nach der Wahl im nächsten Jahr zu einem nominellen Regierungswechsel kommen könnte – und Mülltonnen trotzdem ausgeschnüffelt werden dürften.

Für William N. Grigg sind lächerliche Ablenkungsmanöver wie diese „zwingende Zeichen dafür, dass wir uns in der Anfangsphase eines welthistorischen Zusammenbruchs der Wirtschaft befinden.“ Die Probleme von Freddie und Fannie sind nur Symptome einer viel größeren Krise. Doch durch die Garantie des Staates und der Federal Reserve könnten jetzt bis zu fünf Billionen Dollar mehr an Schulden auf sie zukommen. Da wird es selbst amerikanischen Politikern mulmig. Daher die Ablenkungsmanöver.

Die beiden quasistaatlichen Hypothekenbanken mit ihren günstigen Krediten wurden 1938 und 1970 im Geiste des Keynesianismus gegründet. Jeder Amerikaner sollte ein eigenes Häuschen besitzen. So die Propaganda. Der nüchterne, keynesianische Grund war profaner: Die Nachfrage sollte steigen, weil Keynes gesagt hatte, die Nachfrage sei der treibende Motor des Wohlstandes. Also musste sie mit Zinsen unterhalb des marktüblichen Preises angekurbelt werden. Bei Minimalstzinsen oder gar null Prozent, wie noch vor wenigen Jahren üblich, kann sich wirklich jeder eine Villa „leisten“. Doch solche Sonderangebote wurden vielleicht mit einer Frist von zwei Jahren vergeben, und es stand im Kleingedruckten. Danach würde es eine Neubewertung geben. Oder es wurde explizit gesagt und der Käufer war überoptimistisch, was seine zukünftige Leistungsfähigkeit betraf. In einem Land wie den USA, wo die Massenmedien und die staatlichen Schulen es sich zur Aufgabe gemacht haben, das Volk von Fakten zu verschonen, ist das durchaus möglich. Mit den Leitzinsen stiegen dann die Zwangsversteigerungen und somit die Ausfallquote bei den Hypothekenbanken, auch bei Freddie und Fannie.

Zudem wurden Kredite auf einer minimalen Teilreservebasis vergeben. Das machte lange nichts, denn „die Finanzmärkte glaubten lange, dass die regierungsfinanzierten Unternehmen gerettet würden, egal was kommt“, schreibt Lew Rockwell. „Das versetzt sie in eine ganz andere Lage als Unternehmen wie Enron, die von den Märkten genauestens beobachtet werden. Die gegenwärtige Panik ist dadurch verursacht, dass die Märkte schlauer geworden sind und diese Institutionen nach marktgerechten Maßstäben bewerten.“ So sind die Aktien dieser Häuser von ungefähr 65 Dollar vor 12 Monaten auf jetzt unter 10 Dollar gefallen, wohingegen die Risikoprämien auf ihre Schuldverschreibungen ständig weiter steigen.

Sagte da jemand eben „Panik“? Bisher war doch nur eine Rezession angesagt. Murray Rothbard, der große Gelehrte in der Tradition der Österreichischen Schule der Ökonomie, wies darauf hin, dass noch im 19. Jahrhundert das Wort für plötzlich einsetzende Wirtschaftsabschwünge „Panik“ und für die danach anhaltende Schwächephase „Depression“ war. Als solche Vorfälle aufgrund unaufhörlicher staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft, insbesondere aber aufgrund geldpolitischer Manipulationen der Zentralbanken immer häufiger und immer schadensreicher wurden, wurden diese Schwächephasen einfach in „Rezession“, „Abschwung“, oder auch nur „Seitwärtsbewegung“ umdefiniert. Um einer unangenehmen Wahrheit aus dem Weg zu gehen, greift man auch in der Wirtschaftspolitik zum bewährten Instrument der „political correctness“. Diesmal hat sich jedoch ein so gewaltiges Absturzpotential aufgebaut, dass man wieder getrost von „Panik“ sprechen kann. Oder bald sprechen wird. „Ich glaube, wir haben vielleicht erst zehn Prozent dieser Krise hinter uns“, meint Ron Paul, der minimalstaatliche Kongressabgeordnete der Republikaner, dessen versuchte Präsidentschaftskandidatur in diesem und im letzten Jahr eine dauerhafte neue Freiheitsbewegung auslöste. „Die wirtschaftlichen Verzerrungen haben sich diesmal länger aufgebaut als jemals zuvor in der Weltgeschichte. Noch nie ist einer Reservewährung so viel Vertrauen fälschlicherweise entgegengebracht worden.“

Wie lange wird der Markt der Regierung das Versprechen abnehmen, in Not geratene Banken zu stützen? Das kann keiner mit Sicherheit vorhersagen. Mit Sicherheit kann man jedoch sagen, dass solche Stützungen nicht kostenlos sind. Schon jetzt werden Rufe nach stärkerer Regulierung der Finanz- und anderer Märkte laut. Dabei ist es gerade die SEC, die Regulierungsbehörde des US-Finanzmarktes, die versagt hat. Behörden können eben gekauft werden, besonders in Märkten, wo täglich viele Milliarden Dollar den Besitzer wechseln. Da fallen ein paar Millionen Dollar für „Lobbyarbeit“ nicht weiter ins Gewicht. Nicht mehr Regulierung löst dieses Problem, sondern weniger. Eine weitere Form der Umwälzung von Kosten und Schuld auf Unbeteiligte ist die Geldmengenausweitung, auch Inflation genannt. „Planwirtschaft oder Hyperinflation (oder eine Mischung aus beidem) – das hält die Zukunft einer Papiergeld-Wirtschaft bereit“, prophezeit Professor Guido Hülsmann von der Universität Angers, Frankreich. „Der einzige dritte Weg ist die völlige Abschaffung des Papiergeldes und die Rückkehr zu einer gesunden Wirtschaftsordnung“, womit er eine Ordnung meint, deren Geld auf Realwerte basiert, wo Teilreservebanken keine staatliche Unterstützung erfahren und der „moral hazard“ somit weitgehend ausgeschaltet wäre.

Internet: 

Der „Spiegel“: Die Krise wird zum Krimi

William N. Grigg: „Women and Children Last“ 

Lew Rockwell: „Fannie, Freddy and the Curses of FDR“ 

MurrayN. Rothbard: Economic Depressions: Their Cause and Cure 

„New York Magazine": They Told Us So...

 

Literatur:
Jörg Guido Hülsmann: Die Ethik der Geldproduktion, Manuscriptum 2007

Murray N. Rothbard: Das Schein-Geld-System – Wie der Staat unser Geld zerstört, Resch 2000



Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Robert Grözinger

Über Robert Grözinger

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige