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![]() Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer. ef-Sucheef-EinkaufspartnerWenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button: |
Bericht aus Bodrum IX: Antikapitalistische Historikervon Robert Grözinger Marktwirtschaft muss auch jenseits der Ökonomie verteidigt werden Der Glaube an die Natürlichkeit marktgerechten Verhaltens ist vielleicht „die mächtigste langfristige Waffe im libertären und konservativen Argumentationsarsenal“, so Sean Gabb. Der konservativ-libertäre Direktor der britischen „Libertarian Alliance“ referierte am vergangenen Wochenende in Bodrum über die akademische Debatte über Marktverhalten in der antiken Welt. Es sei daher nicht überraschend, dass diese naturalistische Vorstellung in den letzten zwei Jahrhunderten pausenlos und systematisch angegriffen wird. Behauptungen wie inhärente Instabilität einer Marktwirtschaft, die extreme Ungleichheit oder die Umweltschäden, die sie angeblich erzeugt, sind jedoch widerlegt worden oder dabei, widerlegt zu werden. Gabb richtete daher die Aufmerksamkeit seines Publikums auf einen subtileren Angriff, der die Natürlichkeit der Marktwirtschaft gänzlich in Frage stellt. Neben der Marx'schen These, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, und der auf kulturelle Hegemonie konzentrierende Neuformulierung des Marxismus durch Antonio Gramsci gibt es Gabb zufolge eine weitere, weniger bekannte Argumentationslinie, vertreten durch den Ökonomen Karl Polanyi (1886-1964) und den Althistoriker Moses Finley (1912-86). Polanyi behauptete, dass die Marktwirtschaft nur ein sehr junges und vorübergehendes Phänomen der Menschheitsentwicklung sei. An ihrer Stelle sollen zuvor die Prinzipien der Gegenseitigkeit und der Umverteilung geherrscht haben. Beide Wissenschaftler behaupten, dass eine moderne ökonomische Analyse zum Beispiel der römischen und griechischen Gesellschaften entweder sinnlos oder irreführend ist, weil sämtliche ökonomische Aktivität in einer Kultur stattfand, die die Wohlfahrt oder die Gemeinschaft höher bewertete als das Individuum. Obwohl nur wenige Menschen außerhalb der entsprechenden Universitätsfakultäten von Polanyi und Finley gehört haben, werden ihre Schlussfolgerungen, so Gabb, in populärwissenschaftlichen Geschichtsbüchern, in Zeitungsartikeln und Fernsehdokumentarberichten sowie über eine große Zahl von Studenten verbreitet, die, wie oberflächlich auch immer, diesen Gedanken ausgesetzt werden. Um diese Behauptungen zu widerlegen, müssen die Beweise aus dem Altertum, die uns über wirtschaftliches Verhalten zur Verfügung stehen, „bis aufs letzte ausgequetscht werden“, so der Historiker Gabb. Dies sei Morris Silver, einem „Ökonom unter den Altphilologen“, gelungen. In einem Artikel im „Journal of Economic History“ aus dem Jahr 1983, genannt „Karl Polanyi and Markets in the Ancient Near East: The Challenge of the Evidence“, sei Polanyi „Schritt für Schritt demontiert“ worden. Aus Briefen der „normalen“ Menschen des Altertums kann man Silver zufolge sehr wohl ein Bewusstsein für Marktkräfte erkennen, was Gabb in seiner Rede mit einem Beispiel eines ägyptischen Bauern belegte. In der Literatur der „snobbistischen Elite“ der Antike dagegen sei das weniger einfach. Jedoch lässt sich ein solcher Beweis beispielsweise auch bei Aristoteles finden, der über Thales von Milet schreibt, dass Letzterer mit Optionen auf Olivenölpressen viel Geld verdient habe. Dabei sei es überhaupt nicht wichtig, so Gabb, ob der Bericht stimmt. Wichtig sei der „unausgesprochene Hintergrund“, der zu erkennen gibt, dass Gerichte mit solchen Verträgen vertraut waren und dass die Menschen von Chios und Miletus eine „kommerzielle Mentalität“ hatten. Diese spezielle Debatte ist zwar seit 1983 beendet, aber sie demonstriert wieder einmal den bitteren und abgrundtiefen Hass, den viele Intellektuelle für marktgerechtes Verhalten empfinden und der sich in jedem Fach manifestieren kann. Und der somit, wenn er unwidersprochen bleibt, einen erheblichen Einfluss auf die Gesellschaft als Ganzes ausüben kann. Libertäre und Konservative, so Gabb, sollten daher auf die Debatten außerhalb ihrer eigenen Fachbereiche achten, und dabei jene unterstützen, die subjektiv und objektiv auf der Seite der Wahrheit stehen. Internet: Textvorlage der Rede Sean Gabbs in Bodrum, 24.05.2008 28. Mai 2008 Unterstützen Sie ef-onlineHat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien. Testen Sie eigentümlich freiProminente Autoren und kantige Kolumnisten wie Roland Baader, Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Arne Hoffmann, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Klaus Rainer Röhl schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht. Social BookmarksAnzeigenKommentare |
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