David D. Friedman

Sohn von Milton, ist Professor für Jura und Wirtschaftswissenschaften in Kalifornien und Vordenker des Anarcho-Kapitalismus.

ef investigativ

Haben Sie Informationen oder Dokumente für uns? Hier können Sie unserem Investigativ-Team eine Nachricht schreiben.

investigativ@ef-magazin.de

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

Anzeige

Die „Ron-Paul-Affäre“: Über Warmduscher und Spießer

von David D. Friedman

Kommentar zum libertären Kulturkonflikt

24. Januar 2008

In den Reaktionen aus libertären Kreisen auf Ron Paul im allgemeinen und auf die Ron-Paul-Newsletter im besonderen sind viele unterschiedliche Dinge zu erkennen. Ich denke, eine Erkenntnis ist ein Kulturkonflikt zwischen verschiedenen Sorten von Libertären. Erkennbar ist er etwa anhand von Virginia Postrels Verwendung des Wortes „kosmopolitisch“ und an der Reaktion anderer Leute darauf. Und erkennbar wird er auch an der auf beiden Seiten verwendeten Sprache.

Ich glaube, dass der Konflikt salopp ausgedrückt als einer zwischen Leuten beschrieben werden kann, die eine politisch unkorrekte Sprache als eine positive Tugend betrachten und solchen, für die sie ein Fehler ist – oder, wenn Sie so wollen, zwischen Leuten, die das Verletzen linker Empfindlichkeiten befürworten und solchen, die selber genug Empfindlichkeiten dieser Art besitzen, und es deshalb vorziehen, sie nicht zu verletzen. Die erste Gruppe betrachtet die letzteren als Warmduscher, die letzteren sehen die ersteren als Spießer oder Rüpel.

Als ein einfaches Beispiel möchte ich mögliche Reaktionen auf den folgenden Satz darstellen: „FBI-Statistiken zufolge sind mehr als ein Drittel, vielleicht mehr als die Hälfte der Mörder schwarz, obwohl Schwarze nur ungefähr 13 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen.“

Nun ist diese Aussage wahr; das „vielleicht“ spiegelt die Zahl der Mörder wider, deren Rasse unbekannt ist. Die Frage ist, auf welche Weise unterschiedliche Leute auf diese Aussage reagieren. Ich glaube die Antwort lautet, dass eine Gruppe von Libertären die Aussage lieber nicht machen würde, und wenn sie sie macht, würde sie dazu neigen, sie zu relativieren. Und zwar um deutlich zu machen, dass man selbst keine rassistischen Vorurteile besitzt. Eine andere Gruppe würde dieselbe Aussage mit etwas Häme äußern, um deutlich zu machen, dass man selbst „nicht PC“ ist, nicht gebunden an das, was man als ideologische Einschränkungen betrachtet, mit der die Wahrheit abgetönt werden soll, wenn sie der modischen Meinung widerspricht.

Ich glaube, dieser Unterschied zeigt sich nun in der Intensität der Verurteilungen der Newsletter-Zitate, eine Intensität, die unter dem Aspekt der gegenwärtigen Konvention darüber, was man sagt oder nicht sagt, angemessen, aber, so glaube ich, unter dem Aspekt des wörtlichen Inhalts der Zitate, übertrieben ist. In dieser Hinsicht erinnert mich das Ganze ein wenig an die Aufregung vor einigen Jahren über das Tagebuch H.L. Menckens, obwohl das ein extremerer Fall war – die Abstempelung eines Autoren als rassistisch, weil er eine gegenwärtig unakzeptable Sprache verwendete, trotz der Beweise, dass er damals weniger, nicht mehr, rassistische Vorurteile hatte als die meisten von uns.

In welchem Sinne waren die Zitate „rassistisch?“ Vielleicht habe ich etwas übersehen, aber ich glaube nicht, dass ein einziges von ihnen entweder eine angeborene Minderwertigkeit von Schwarzen oder einen Hass auf Schwarze als Schwarze zur Geltung brachte. Was sie taten, war, mit einer gewissen Häme eine herabwürdigende Meinung über bestimmte Schwarze – Watts Randalierer oder Straßenräuber – zum Ausdruck zu bringen. Somit konnten sie sowohl auf Rassisten Eindruck machen als auch Linke verärgern – allgemeiner gesagt, Leute verärgern, die die gegenwärtigen Anstandsregeln über zulässige und unzulässige Sprache akzeptiert haben. Ich vermute, dass beide Wirkungen beabsichtigt waren.

Ich selber habe gemischte Gefühle darüber, absichtlich „nicht PiCi“ zu sein. Einerseits bin ich verstört darüber, dass in der Gesellschaft, wie sie jetzt existiert, jene, die wahre Aussagen auf bestimmte Fragen machen, wahrscheinlich ernsthaft negative Konsequenzen zu erleiden haben. Der erzwungene Rücktritt des Harvard-Präsidenten ist das eklatanteste aktuelle Beispiel. Andererseits denke ich, dass das Beleidigen anderer Menschen aus Spaß sowohl unanständig als auch kontraproduktiv ist.

Womit ich zu einem vermutlich weiteren Unterschied zwischen den zwei Gruppen komme – der Einfachheit halber will ich sie „Warmduscher“ und „Spießer“ nennen –, nämlich ihre Einstellung jenen gegenüber, die eine andere politische Meinung vertreten. Die Warmduscher, so vermute ich, haben Freunde, die sie respektieren, die nicht nur nicht libertär sind, sondern im politischen Spektrum außerdem weit links stehen. Daher tendieren Warmduscher dazu, ihre Gegner auf der Linken als vernünftige, sich im Irrtum befindliche Menschen einzuschätzen. Die Spießer tendieren dazu, ihre Gegner auf der Linken als dumm oder bösartig zu betrachten. Andererseits ist es wahrscheinlicher, dass Spießer Freunde haben, die konservativ sind, wie beispielsweise religiöse Fundamentalisten oder Neo-Konföderalisten, die von den Warmduschern missbilligt werden. In dem Fall könnte sich das Muster umkehren, wobei die Warmduscher jene, die sie missbilligen, als bösartig oder dumm betrachten, während die Spießer lediglich meinen, dass sie einige falsche Ansichten haben.

Zweifellos ist dies alles eine allzu starke Vereinfachung einer komplizierten Situation, und zweifellos könnten in beiden Richtungen Ausnahmen in dem von mir beschriebenen Muster gefunden werden. Aber ich glaube, es steckt eine Menge Wahrheit darin.

Das alles erinnert mich an einen alten Aufsatz von Murray Rothbard über kritische Fragen, die Libertäre voneinander trennen, in dem er mir vorwarf, den Staat nicht zu hassen. Er hatte recht. Ich betrachte den Staat nicht als teuflischen Komplott von bösartigen Menschen zur Ausbeutung unschuldiger Opfer, sondern lediglich als einen verständlichen und bedauernswerten Fehler. In dieser Hinsicht zumindest bin ich ein Warmduscher, kein Spießer.

Der vorstehende Text wurde mit Genehmigung des Autors für ef-online von Robert Grözinger ins Deutsche übersetzt.

Internet:

Originaltext von David Friedman

Murray Rothbard: Do You Hate the State?

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare


Der Kommentarbereich für diesen Artikel wurde geschlossen.

Anzeige