22. Januar 2008

Wirtschaft an der Schule Wie Musikunterricht ohne Dur und Moll

Ein Vergleich zwischen deutschen und englischen Lehrbüchern

Über eine Diskussion beim „Antibürokratieteam“ fand ich den „FAZ“-Artikel „Von Raffgier und Ausbeutung – Wie unsere Schulen Wirtschaft lehren“ von Stefan Theil. Seine wesentliche Aussage ist, dass in deutschen und französischen Schulbüchern der Kapitalismus und die freie Marktwirtschaft als etwas schlechtes und Staatsinterventionismus als etwas gutes dargestellt wird. Dagegen würden die amerikanische Schüler über Unternehmerpersönlichkeiten lernen, und etwa die Hälfte von ihnen würde ein Semester lang im 12. Schuljahr Wirtschaft belegen, „zumeist in Anlehnung an klassische Wirtschaftskunde“.

Ob letzteres stimmt, kann ich nicht beurteilen. Wenn der amerikanische Unterrichtsstoff aber dem Englands ähnelt, gibt es aus Sicht von Verfechtern der freien Marktwirtschaft auch hier viel zu bemängeln. Ich lebe in England und gebe gelegentlich Nachhilfeunterricht in Wirtschaft für Schüler der Sekundarstufe 2. Die Hauptthemen sind Marktversagen und Gründe für staatliche Intervention. Zum Ausgleich gibt es aber immerhin auch ein Unterkapitel über das Staatsversagen. Aber ich kann bestätigen, dass dieses Material um Längen besser ist als das, was ich aus Deutschland kenne.

Ich habe mir vor wenigen Jahrn ein Lehrbuch aus Deutschland schicken lassen: „Volkswirtschaft“ von Ulrike Brombierstäudl aus der Reihe „Abiturwissen Wirtschaft – Recht“. Dort gibt es zwar keine üblen Polemiken gegen Kapitalisten und die Marktwirtschaft von der Art, wie Theil sie in anderen deutschen Lehrbüchern gefunden hat. Was mir jedoch im Vergleich zum englischen Lehrstoff auffällt ist im deutschen Lehrbuch die Betrachtung der Wirtschaft ausschließlich aus der Sicht des Staates, eine rein statische makroökonomische Betrachtung sowie die völlige Abwesenheit mikroökonomischer Konzepte, insbesondere des Preismechanismus. Hier die Überschriften der Hauptkapitel:

Konjunkturelle und strukturelle Probleme der Volkswirtschaft – Das Modell des Wirtschaftskreislaufs – Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank – Möglichkeiten und Grenzen der staatlichen Fiskalpolitik – Außenwirtschaft und Außenwirtschaftspolitik – Strukturpolitik und Umweltschutz – Einkommens- und Vermögensverteilung und Umverteilungspolitik

Kein Wort davon, wie sich ein Preis bildet. Hallo? Das ist das Fundament jedes wirtschaftswissenschaftlichen Gedankens. Kein Schaubild mit Angebots- und Nachfragekurve (außer, bezeichnenderweise, im Kapitel über Geldpolitik, wo der Angebotsmonopolist die Europäische Zentralbank ist, also praktisch eine staatliche Institution). Im Stichwortverzeichnis findet sich das Wort „Elastizität“ natürlich auch nicht. Das ist aber der zentrale Begriff der Preisbildungstheorie, ohne den man die Dynamik des Zusammenspiels von Preis, Angebot und Nachfrage überhaupt nicht verstehen kann.

Das Ganze ist so ungefähr so sinnvoll wie ein Grundkurs in Musiktheorie ohne die Begriffe Dur, Moll, Oktave, Quinte und Terz. Wo man statt dessen nur ein Bild eines Klaviers zeigt und dazu schreibt: Haut man auf die Tasten kommen Töne raus. Je stärker man draufhaut, desto lauter die Töne. Manche Töne klingen gut zusammen, andere nicht. Welche das sind, wird demokratisch bestimmt. Haut man zu stark drauf, geht das Klavier kaputt. Deshalb muss jeder Klavierspieler staatlich lizensiert sein.

Im Stichwortverzeichnis, wo ich den Begriff „Elastizität“ suchte, fand ich stattdessen „Engels, Friedrich“. Den habe ich zwar auch in einem ausführlicheren englischen Schulbuch gefunden, aber im gleichen Buch („Economics“ von John Sloman) findet man auch eine ganze Doppelseite zum Thema: „Mises, Hayek and the Mont Pelerin Society – The birth of post-war libertarianism.“

Heißt das, das in Amerika und Großbritannien bessere, freiheitlichere Wirtschaftspolitik gemacht wird? Das nicht, jedenfalls nicht automatisch. Aber man darf davon ausgehen, dass weitaus mehr Menschen als in Deutschland und Frankreich immerhin eine Ahnung davon haben, was für einen wirtschafts- und geldpolitischen Unsinn ihre Regierungen und Zentralbanken verzapfen.

Internet:

Beispiele für in England vermittelte Inhalte im Wirtschaftsunterricht der Sekundarstufe 2

Stefan Theil (FAZ): Von Raffgier und Ausbeutung

Statler (Antibürokratieteam): Überall dieser Neoliberalismus!

Lehrbuch „Volkswirtschaft“ von Ulrike Brombierstäudl

Lehrbuch „Economics“ von John Sloman


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Robert Grözinger

Über Robert Grözinger

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige