21. Dezember 2007

Geschichtsrevisionismus Achtundsechziger als schlechtere Kopie der Dreiunddreißiger?

Eine neue Generation nimmt im Glashaus langsam ihre Bewältigungsplätze ein

Das „Commentarium Catholicum“ formulierte im November noch recht pessimistisch: „Wir werden sie im nächsten Jahr noch nicht erleben, die überfällige Abrechnung mit Achtundsechzig. Denn die Zinnen der Medienburgen sind von jenen besetzt, die den Marsch durch die Institutionen angetreten und erfolgreich durchgestanden haben. Sie werden sich 2008 noch einmal kollektiv auf die Schultern klopfen und sich gegenseitig loben für ihr großes Werk. Die Abrechnung kommt dann 2018. Und sie wird derjenigen von 1968 in nichts nachstehen.“

Sehr kluge Worte. Und vielleicht doch daneben, was den Zeitpunkt betrifft. Denn die Einschläge kommen täglich näher. Jetzt kündigte der renommierte Fischer-Verlag eine Buchneuerscheinung für den März an. Schon der Titel der Abrechnung des  Historikers Götz Aly mit der eigenen Vergangenheit hat es in sich: „Unser Kampf“. Und tatsächlich preist der Verlag unerhörtes an: „Anhand der Quellen analysiert Götz Aly die Bewegung von 1968 als speziell deutschen Spätausläufer des totalitären 20. Jahrhunderts und kommt zu dem Schluss: Die revoltierenden Kinder der Dreiunddreißiger-Generation waren ihren Eltern auf elende Weise ähnlich.“

Natürlich waren sie das. Die Achtundsechziger glaubten sich moralintriefend im Recht dabei, als sie ihre eigenen Eltern erst anklagten und dann mit einem Urteilsspruch ohne jede Gnade kurzerhand und kollektiv zu den größten Verbrechern der Weltgeschichte erklärten. Makaber wird die Geschichte noch dadurch, dass die Väter oft im Krieg gefallen waren, dass die Achtundsechziger also oft ihre verstorbenen Väter besudelten. Aber wer hat eigentlich mehr geirrt, die Achtundsechziger oder deren Vätergeneration? Schauen wir uns die Ausgangssituation an. Dort: Weltwirtschaftskrise, Versailler Vertragsbürden, breites Bedrohungsempfinden durch den Bolschewismus. Hier: Wohlstand wie nie zuvor, Schutz und Freiheit durch die USA garantiert. Dann dort der Irrtum, in großer Not dem viertgrößten Massenmörder der Geschichte nachgelaufen zu sein. Hier der Irrtum, ohne Not einem oder mehreren der drei größten Massenmörder der Geschichte hintergelaufen zu sein. Dort nach dem Irrtum Abkehr vom Sozialismus sowie tatkräftiger und mühsamer Aufbau des Landes und Schaffung von Werten. Hier nach dem Irrtum Leben wie die Made im Speck, immer mehr Sozialismus, steter Verbrauch der Substanz. Dort am Ende Übergabe einer positiven Bilanz und eines Landes, in dem Menschen an sich selbst glauben. Hier irgendwann Übergabe eines bankrotten Wohlfahrtsstaats mit Menschen, denen man eingeredet hat, sie hätten ein Recht, auf Kosten Dritter zu leben. Und das Vererben einer unbezahlbaren Rechnung an die Nachfolgegeneration. Ja, es ist schwer zu entscheiden, wer mehr danebenlag.

In Kürze wird im Lichtschlag-Buchverlag das neue Werk von Josef Schüßlburner erscheinen: „Roter, brauner und grüner Sozialismus“. Auch hier sei der Ankündigungstext zitiert: „Der Autor fordert eine umfassende Sozialismus-Bewältigung, die nicht auf den Nationalsozialismus beschränkt werden kann. Nur dann erscheint es möglich, die Wiederkehr faschistischer Tendenzen zu verhindern, die in der BRD vor allem als Antifaschismus auftreten und sich in der Verehrung für die Nationalsozialisten Mao Tse-tung und Pol Pot bei der Achtundsechziger-Generation manifestiert haben. Diese will nunmehr im Sinne der Wiederkehr des nachhaltig Verdrängten das Vermächtnis von Adolf Hitler umsetzen, den Schlag gegen rechts zu führen.“

Die Achtundsechziger haben sich größte Mühe gegeben, naheliegende Vergleiche zu tabuisieren oder gar zu verbieten. Wer heute in Deutschland die Massenverbrechen der Nationalsozialisten mit denen ihrer roten Vorbilder vergleicht, steht bereits mit einem Bein im Gefängnis. Allem Anschein nach beginnt dennoch nun die Zeit, in der trotz aller Denkge- und verbote auch die Achtundsechziger Gegenstand kritischer Untersuchungen werden. Sie werden dann auch immer öfter der heute noch unerhörten Gegenüberstellung zu den Dreiunddreißigern ausgesetzt sein. So quasireligiös verbrämt sich die Achtundsechziger gerade in diesem Vergleich als personifiziertes Licht gegen das personifizierte Böse vorkamen und immer noch vorkommen, sie werden Aufklärung nicht verhindern können. Und das, was sie im tiefsten Innern lange bereits ahnten und was ihre antifaschistische Maskerade psychologisch erst erklärt, wird am Ende überdeutlich werden: Die maobibelfesten Studentenhorden mit ihren Roten Fahnen waren im Zweifel womöglich die nachhaltig schlechtere Kopie derer im Gefolge von „Mein Kampf“ und deren ebenfalls roten Fahnen.

Forschungsfelder, dies herauszuarbeiten, wird es viele geben – allzuviel haben die Achtundsechziger mit den Dreiunddreißigern gemeinsam. Beide waren sie zu Beginn ausgesprochene Jungen- und Jugendbewegungen, beide galten ihren bürgerlichen Gegnern in ihrer jeweiligen Kampfzeit als Perversen- und Homosexuellenbewegungen, beide traten messianisch und in Massen auf und waren von Vernichtungswillen gegen Andersdenkende sowie von unbändigem Hass gegen Traditionen und alles Bestehende beseelt. Beide wollten die bürgerliche Ordnung und die autonome Familie mit Sozialismus überwinden, beide wollten die Religion durch säkulare Riten ersetzen, beide wollten das gesamte Leben politisieren – was beiden am Ende auch gelang. Den einen kurzfristig, den anderen nachhaltig. Von der Lufthoheit über den Kinderbetten einer Ursula von der Leyen mag ein Gruppenführer der Hitlerjugend geträumt haben, eine dermaßen breite Akzeptanz der neosozialistischen Ideologie vom besseren Wetter für weibliche Gutmenschen mögen großdeutsche und antisemitische Sinnstifter einst ersehnt haben, den heutigen Grad der Vernichtung an Kultur und Achtung vor dem Eigentum anderer mögen die damaligen Nihilisten bewundert haben – wenn sie nicht in den meisten Fällen ihren Irrtum im Nachkriegsdeutschland längst eingesehen hätten.

Natürlich, viele einzelne Achtundsechziger waren und sind hervorragende und liebe Menschen, die sich persönlich nichts zu Schulden kommen ließen. Vermutlich die meisten. Nur gilt das eben auch für die Dreiunddreißiger. Das Problem war und ist die Akzeptanz der Ideologie – dann reichen einige wenige Täter aus.

Lange Zeit konnten die Achtundsechziger einen Blick auf die Gemeinsamkeiten verhindern, indem sie die Dreiunddreißiger vom Ende her beurteilten und sich selbst noch heute in ihren jugendlichen Anfängen feiern. Ausgeblendet wurde das, woher die Dreiunddreißiger kamen und wohin die Achtundsechziger gehen. Der Holocaust stand eben nicht am Anfang, sondern begann erst kurz vor dem Ende nach Stalingrad. Die meisten Achtundsechziger – und das ist eben ein Unterschied – haben ihr Stalingrad noch vor sich. Wenn sie nicht bald gestoppt werden, könnten sie sogar bei der Zahl ihrer Opfer die Vätergeneration noch übertreffen.


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