06. Dezember 2007

Russland-Wahl III Ein Mann der Ehre

Warum die Russen Putin wählen und der Westen das nicht verstehen kann

Verlauf und Ergebnisse der russsischen Parlamentswahlen werden hierzulande scharf kritisiert. Verstanden werden sie nicht. Wer erfasst schon die berüchtigte „russische Seele“?

Starten wir einen Verständnisversuch: In Russland herrscht eine Kultur der Ehre. Diese aus westlicher Sicht eher irrationale Ehrkultur betont Männlichkeit bei Männern und Weiblichkeit bei Frauen. So schließen russische Männer den russischen Frauen beim Einsteigen ins Auto selbstverständlich die Türe und öffnen sie auch wieder. Selbst Nachteile werden im Alltag gerne in Kauf genommen, solange nur die Ehre gewahrt bleibt. „Weibisches Verhalten“ bei Männern wird eher noch mehr verachtet als unfeminine Frauen. Renate Künast oder Bärbel Höhn wären in der russischen Politik genauso undenkbar wie Volker Beck oder Klaus Wowereit. Dort sorgt dann eher ein Clown wie Wladimir Schirinowski für die „bunten Elemente“ in der Politik, irgendwie völlig irre, aber „männlich“. Homosexuelle gelten im russischen Volk als krank („abartig“) – genau umgekehrt ist es heute im Westen, da bezeichnet man Kritik an Homosexuellen als krank („homophob“). Erst vor diesem stark östlichen psychologischen Hintergrund wird der Kult um die berühmten Putin-Fotos verständlich, auf denen dieser mit gestähltem nackten Oberkörper angespannt posiert. Im Westen wirken solche Fotos eher gestellt oder geradewegs lustig. In Russland machten sie Putin endgültig zu einer Art „natürlichem Führer“.

Für die meisten Russen war es deshalb überhaupt nicht vorstellbar, eine andere Liste zu wählen als jene Putins. Putin hatte dem Volk in ihren Augen die Ehre Russlands zurückgegeben, indem er sein Land deutlich als Akteur in die Weltpolitik zurückführte und sich von der unter Jelzin immer näher rückenden NATO nicht mehr alles gefallen ließ. Der Erfolg dieser Politik ist umgekehrt auch der wirkliche Grund für die immer böser werdenden Kampagnen der westlichen Presse gegen Russland. Selbst von westlichen Beobachtern wird die Person Putin als kraftvoll und äußerst intelligent wahrgenommen. In Russland sieht man einen solchen Präsidenten gerne und mit Stolz, in Deutschland ängstigt es die „Bild“-Zeitung vor dem „gefährlichsten Mann der Welt“.

Unter Gorbatschow und Jelzin herrschte in Russland Chaos, hunderttausendfacher Mord und Totschlag auf den Straßen, und – durch zwei große Inflationen – breite Verarmung. Es ist diese Zeit, die in Russland als die demokratische wahrgenommen wird. Entsprechend findet die geradezu religiöse Verehrung der Demokratie wie im Westen in Russland schlicht nicht statt. Dort hat man eine sehr pragmatische Sicht auf politische Herrschaftsformen entwickelt. Lediglich die Ergebnisse zählen – und die sprechen nach acht Jahren deutlicher Verbesserung des breiten Lebensstandards (vor allem aufgrund der liberalen Reformen in Putins erster Amtsperiode) und der inneren Sicherheit ganz besonders stark für Putin. Dass dieser Präsident Oppositionelle tagelang einsperrt, unfair behandelt und die Pressefreiheit beschränkt, interessiert die meisten Russen wenig. Denn wer sind die Oppositionellen? Es sind die Kommunisten und die Demokraten. Beide, sagt man, hatten ihre Chance gehabt. Und nicht genutzt. Beide haben zu ihrer Herrschaftszeit Andersdenkende und erst recht das Volk auch nicht besser behandelt. Selber Schuld also, die Herren Demokraten und Kommunisten, Gelegenheit verspielt, der nächste bitte.

Welch ein Unterschied! Auch in Deutschland wurden und werden Oppositionelle verfolgt und das Volk betrogen – wir wissen ja, die Mitte zwischen null und zwei Prozent Mehrwertsteuererhöhung liegt nach der Wahl bei drei Prozent. Es wurden gegen Kommunisten Berufs- und Parteiverbote erlassen und heute kämpfen alle „gegen rechts“. Doch anders als in Russland sagt man nicht: „Ihr hattet Eure Chance und Ihr seid doch genauso mit uns umgesprungen“. Politik wird in Deutschland vielmehr mit einer aufgesetzten Hypermoral und reinsten Gewissens betrieben. Hier steckt man einen Andersdenkenden wie Horst Mahler monatelang ins Gefängnis und behandelt etwa die NPD noch weitaus unfairer als Putin die russische Opposition – aber man fühlt sich moralisch noch besonders gut und geradezu vorbildlich „demokratisch“ dabei. Über solch einen  weibischen Selbstbetrug können Russen nur lachen.

Wer in Deutschland als Andersdenkender verfolgt wird, jammert. Man beschwert sich, dass die „Menschenrechte“ nicht gewährt werden. Anders in Russland: Der liberale Oppositionelle Boris Nemzow sagte einem Bericht des „Spiegel“ zufolge nach den Verhaftungen von Regimegegnern nicht „böser Putin“, sondern: „Putin ist ein Feigling!“. Das ist die Sprache, die Russen verstehen würden, wenn man Nemzow die Chance ließe, dass sie ihm zuhören könnten. Aber Herrschaft ist Herrschaft, wissen die Russen – und das ist nun mal kein Kinderspiel.

Die Deutschen leben heute in einer religiös verehrten demokratischen Scheinwelt, die ihnen den Glauben schenkt, dass sie sich selbst regieren. Dass auch hierzulande eine Schmarotzerkaste feist auf Kosten der Nettosteuerzahler lebt, wird im Westen unterhalb des Demokratiehimmels auf Erden nicht mehr wahrgenommen. In Russland weiß jeder, dass Politik ein dreckiges Geschäft ist und Bürokraten und Politiker eigentlich Verbrecher sind.

Insofern trifft die westliche Presse mit ihrer Kritik einen Kern Wahrheit, wenn sie Putin und seine Herrschaftsclique als korrupt und kriminell bezeichnet. Nur vergisst sie zu erwähnen, dass das den Russen grundsätzlich auch klar ist, dass sich ihnen aber Putin mit einer im Vergleich achtbaren Bilanz zur Wahl stellte. Und vor allem vergessen die westlichen Medien zu erwähnen, dass die eigene eng mit ihnen verbandelte Herrscher- und Bürokratiekaste genauso korrupt und kriminell ist – und dabei in den letzten Jahren deutlich schlechtere Ergebnisse ihres Handelns aufweist, verlogen daherredet und deshalb zumindest in den Augen der Russen weniger „ehrenvoll“ ist.


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