Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

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Ron Paul Revolution V: Der Medienwind dreht sich

von Robert Grözinger

Die Zeit der Meinungsmanipulation durch Medien und Umfragen ist vorbei

26. November 2007

Es bleiben noch zwei weitere Hürden: die etablierten Medien und die Umfrageinstitute. Bis vor kurzem ist er von beiden eher stiefmütterlich behandelt worden. Statt sich mit den Inhalten seiner freiheitlichen Programmpunkte auseinanderzusetzen, stellten ihn viele Medien regelmäßig als „Spinner“ oder „Exzentriker“ dar. Als die Zahl der Paul-Fans dennoch weiterhin anschwoll, fingen sie an, seine Unterstützer anzugreifen: „Rassisten“, „Computerfreaks“, „Verschwörungstheoretiker“ und ähnliches konnte man vernehmen. Oder sie zitieren gerne, wie der „Wall Street Journal“ am 24. November, Schimpfworte wie „Paultards“ (abgeleitet von „retard“, „geistig Zurückgebliebener“) oder „MoRons“ („moron“ = „Trottel“). In den Fernsehdebatten wurde Paul oft marginalisiert und mit teils absurden oder gar beleidigenden Behauptungen konfrontiert. In einer Debatte bei „Fox News“ fragte der Moderator dem einzigen Kriegsgegner unter den republikanischen Kandidaten zum Beispiel: „Empfangen Sie Ihre Marschbefehle von Al-Qaida?“ Doch an dem Texaner, der 30 Jahre Erfahrung als Kongressabgeordneter hat, prallen solche Anschuldigungen bislang wirkungslos ab, oder er dreht sie zu seinem Vorteil um. „Nein, ich empfange meine Marschbefehle von der Verfassung!“ konterte er im obigen Fall unter begeistertem Applaus vieler im Saalpublikum.

Doch ganz allmählich scheint sich der Medienwind zu drehen. Am 25. November brachte die „Washington Post“ einen langen Beitrag über Ron Paul, in dem schon im dritten Absatz steht: „Wenn ein kämpferischer republikanischer Gegner der Kriege gegen die Drogen und den Terrorismus in der Lage ist, ohne sich wirklich anzustrengen, an einem Tag, der an einem versuchten Königsmord erinnert, eine Rekordsumme an Wahlkampfspenden einzufahren, dann ist klar, dass in der amerikanischen Politik eine neue Kraft heranwächst, die das Potential des Wandels in sich birgt.“ Im weiteren Verlauf des Artikels stellen die Autoren Pauls Forderungen dar und setzen sich sehr kritisch mit seiner bisherigen Behandlung durch die anderen Medien auseinander. Sie schließen mit dieser Prognose: „Ron Paul mag die Schlacht im nächsten Jahr verlieren – jedoch nicht ohne denkwürdigen Kampf – aber die Laissez-faire-Agitatoren, die er anzuspornen half, werden sich in den kommenden Jahren an der Vorderfront der amerikanischen Politik und Kultur wiederfinden.“ Doch so ganz traut sich auch die Washington Post nicht aus der Establishment-Deckung, weshalb sie diesen Artikel lieber von zwei Gastautoren, nämlich Nick Gillespie und Matt Welch vom „Reason“ Magazin, haben schreiben lassen.

Eine ähnlich vorsichtige Absetzbewegung ist beim amerikanischen Meinungsforscher Zogby zu beobachten. In den Umfragen steht Paul im Staat New Hampshire, wo am 8. Januar einer der ersten „Primary“ Vorwahl wird, inzwischen bei 8 Prozent (verglichen mit 2 Prozent im Sommer und 4 Prozent im September). Das veranlasste John Zogby, in einer Radiosendung des konservativen Kriegsbefürworters und erklärten Paul-Gegners Sean Hannity, zur Vorhersage, der Texaner könne in diesem Bundesstaat „15 bis 18 Prozent“ erreichen. Es brauchte eine Schrecksekunde, bevor Hannity fragen konnte: „Sie glauben doch nicht etwa, dass er gewinnen kann?“ Nein, kam die Antwort, das nicht. Zogby will sich offenbar alle Optionen offenhalten. Wenn Paul in Hew Hampshire besser abschneidet oder gar gewinnt, kann er sich als der Erste rühmen, diesen  Trend erkannt zu haben. Verliert der Texaner, ist Zogby immer noch ein Freund des Establishments.

Bislang sehen die Meinungsforschungsinstitute den Arzt aus Texas landesweit bei höchstens 5 Prozent. Dabei muss man aber folgendes bedenken: Die Insitute fragen nur diejenigen, die sich als „Republikaner“ bezeichnen, nach ihrem bevorzugten Kandidaten. Oder, noch restriktiver, sie fragen diejenigen, die sich bei den letzten Vorwahlen als Republikaner haben registrieren lassen. Da bei der letzten Wahl ein amtierender Kriegspräsident kandidierte, war von vornherein klar, dass er die Nominierung gewinnen würde. Folglich beteiligten sich in 2003 nur 6 Prozent aller registrierten Republikaner daran. Die allermeisten von diesen müssen in der Wolle gefärbte Bush-Anhänger gewesen sein. Wenn unter diesen jetzt 5 Prozent für Paul sind, ist das schon eine kleine Sensation. Hinzu kommt, dass die Umfragen nur per Festnetztelefon vorgenommen werden dürfen. Viele Amerikaner, insbesondere die jüngeren, besitzen gar kein Festnetzanschluss mehr, nur noch Handys. Und wenn doch, dann ist der Apparat oft mit einer digitalen Nummernanzeige ausgestattet. Wenn dort eine typische Marketing-Nummer erscheint (um solche handelt es sich bei den Meinungsforschern), heben viele gar nicht erst ab. So bleibt überproportional ein technisch rückständiger Rest übrig, der sich vermutlich kaum Informationen aus dem Internet holt und an dem die Ron Paul Revolution bislang weitgehend vorbeigegangen ist. Zogby hat das offenbar inzwischen auch begriffen, kann aber wegen des Handyverbots keine anderen Zahlen erheben. Es ist also sehr gut möglich, dass Ron Paul praktisch wie ein Tarnkappenbomber vom Radar der Umfrageinstitute gar nicht richtig erfasst werden kann, selbst wenn sie es wollten.

Die Gründe für diesen vorsichtigen Stellungswechsel bei einigen Medien und Umfrageinstitute sind in beiden Fällen die gleichen: Zum einen möchte keiner gerne auf der Verliererseite stehen. Auch Journalisten und Meinungsforscher sind Menschen. Sie haben sich die Zahlen angesehen, sie haben die Hingabe gesehen, sie haben gesehen, dass, wenn andere Kandidaten sprechen, die „Paulians“ oft sichtbar die Hälfte der Zuschauerschaft ausmachen, sie haben die Zeichen der Zeit erkannt. Außerdem wollen sie nicht ständig im Internet, vor der ganzen Welt, mit einiger Begründung der Lüge oder des Verschweigens oder Verzerrens bezichtigt werden. Womit der zweiten Grund schon angesprochen ist: Diese frühen Stellungswechsler gehören zu den ersten, die an der Dynamik der „Ron Paul Revolution“ erkannt haben, dass die Zeit der einfachen Meinungsmanipulation vorbei ist. Rupert Murdoch und seine „alten“ Medien, wie „Fox News“ und der „Wall Street Journal“, müssen das offenbar noch lernen.

Internet:

Artikel von Gillespie und Welch in der „Washington Post“

Artikel über die Unterstützer Ron Pauls im Wall Street Journal

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