29. Oktober 2007

ef 77 Editorial und Aussichten

Aufruf zur konstruktiven Kritik

Es war eine schöne Tradition, die jeweils neue Ausgabe eigentümlich frei auf Freiheitsforum.de anzukündigen, mitzuteilen, dass erste Einnblicke nun online möglich sind und wann sie bei den geneigten Abonnenten etwa im Briefkasten zu finden sein wird. Vor allem auch deshalb, um Reaktionen der Leser erfahren zu können, denn konstruktive Kritik hat uns in der Vergangenheit immer ein gutes Stück vorangebracht.

Leider war von konstruktiver Kritik im Freiheitsforum am Ende kaum mehr etwas zu finden. Wie in anderen Web-2.0-Projekten haben Querulanten, Trolls und Szene-Psychopathen, die teilweise unter Dutzenden Pseudonymen mit sich selbst „diskutierten“, die für Jedermann offene Internet-Demokratie ad absurdum geführt.

Sichtbar wurden dabei gleich drei Problemfelder: Erstens das Demokratieprinzip, das in der Herrschaft des Pöbels enden kann. Zweitens das Szeneprinzip, das oft in Sektiererei mündet und eben auch Leute magisch anzieht, die im realen Leben versagen. Und drittens die unheilvolle Verbindung von beidem via Web 2.0 in Szeneforen- oder Bloggerszenen, in denen sich die negativen Erscheinungen potenzieren können (Ausnahmen bestätigen die Regel) und wo systematisch jeder menschliche Anstand verloren geht (man ist ja anonym und sagt „auf der großen Internetbühne“ Dinge, die man dem anderen direkt ins Gesicht oder in der Form persönlicher Briefe nie zumuten würde). Letztlich geht es in der Demokratie, im Web 2.0 und in jeder Szene um die immer gleiche Grundkonstante, dass Zerstörernaturen die Produktiven am Aufbau hindern können. Und es geht auf der anderen Seite hier wie andernorts darum, Maßnahmen zu entwickeln, welche die – in unserem Falle eigentümlich freie – Produktion qualitativ und quantitativ steigern. Wir haben deshalb die Reißleine gezogen und das Freiheitsforum erst einmal auf Eis gelegt.

Soviel sei an dieser Stelle verraten: Irgendwann in der ersten Hälfte des kommenden Jahres wird ef mit einem runderneuerten Internetauftritt auch wieder ein Freiheitsforum anbieten, jedoch ein Leserforum einer neuen Generation, zu dem unliebsame Gäste keinen Zutritt haben werden. Vor allem wird es dann auch technisch möglich sein, jeden Artikel der gerade aktuellen Druckausgabe gesondert und ausgiebig online unter Freunden und Lesern konstruktiv zu diskutieren.

In der Übergangsphase möchten wir gerne ef-online dazu nutzen, Meinungen zur jeweils neuen ef-Ausgabe in Erfahrung zu bringen. Wir behalten uns dabei vor, Kommentare von Lesern ggf. auch als Leserbriefe zu veröffentlichen. Wer damit einverstanden ist und nicht zum „erlauchten“ kleinen Kreis derer mit Hausverbot gehört, auf dessen Kritik, Hinweise, Lob und Tadel freuen wir uns an dieser Stelle (der Kommentareinträge unten) sehr.

Zur Einstimmung hier das Editorial der Ausgabe Nr. 77, die jetzt online (www.ef-magazin.de) in Appetithäppchen einsehbar ist und die etwa am Mittwoch oder Donnerstag in des geneigten Abonnenten Briefkasten ankommen sollte, sofern der gelbe Monopolist mitspielt:

Editorial
Mehr als 20.000 Zuschriften erhielt Eva Herman. Alle größeren Internetdiskussionsforen verzeichneten Zuschriftenrekorde. Der Grundtenor ist Entsetzen über die Misshandlung der Eva Herman im Schauprozess des Johannes B. Kerner. Der Fernsehsendung folgte ein Aufstand der Anständigen gegen die Unanständigkeit in den Medien. Viele fragten: „Wo leben wir eigentlich?“ Wir leben in Deutschland im Jahre 74 nach 1933. Und im Jahre 39 nach 1968. Immer noch ist Adolf Hitler das große Politikum. Immer noch wird ein Land mit einem „Antifaschismus“ in Schach gehalten, der, wie Henryk M. Broder schreibt, „sich von seinem eigentlichen Gegenstand längst verabschiedet hat“. Mit Hilfe dieser jeden Widerspruch im Keim erstickenden Staatsdoktrin regieren neosozialistische Altachtundsechziger seit Jahrzehnten. Während sie das Volk zu den Windmühlen führten, in einen abstrusen „Kampf gegen rechts“ (als wenn der nächste Adolf wieder mit braunem Hemd und Hochkantschnäuz daherkäme), perfektionierten sie selbst mit jedem Jahr mehr ihr Machtsystem mit faschistoiden Elementen. Selten wurde das so deutlich wie im ZDF-Meilenstein der Propagandageschichte. Wenn man fragt, wer in diesem Volksgerichtshofskammerspiel zwischen 1933 und 1945 den besseren „Nazi“ abgegeben hätte, Kerner, Schreinemakers, Berger, der Geschichtsprofessor oder Frau Herman – dann würde diesseits der Herrschaftselite wohl kaum jemand mit der Letztgenannten antworten. Philipp Jenninger sprach bereits vor Jahren von „Hinrichtungsjournalismus“. Es geht um Denunziation unbequemer Meinungen. Vor dem immerwährenden Tribunal der Achtundsechziger sind alle naziverdächtig. Ihr Lieblingsspruch ist der vom „Nazi in der Mitte der Gesellschaft“. Alle braun. Außer den neuen Totalitären selbst natürlich. Sie denunzieren. Besonders hässlich sind ihre Fußtruppen. Deshalb werden sie gerne verschwiegen. Die neue SA nennt sich „Antifa“, ihre Gegner werden mindestens niedergebrüllt, eher niedergeschlagen, zur Not ermordet. Jedes Jahr am 1. Mai sehen wir die Verwüstungen ihrer Fackelzüge, die brennenden Autos und Geschäfte in Kreuzberg. Zuletzt verbargen sie ihre Fratzen vermummt im Schweizer Bern. Und wie berichten deutsche Medien? Natürlich, schuld war die „Provokation“ der Schweizer Version von Margaret Thatcher: Christoph Blocher und seine Schweizer Volkspartei wollten sich, wie „unverschämt“, friedlich mit Kuhglocken feiern. In der Schweiz wenigstens gibt es eine größere Gegenstimme. In seiner „Weltwoche“ liest Roger Köppel „Spiegel“ und Co. die Leviten: „Genauso wenig wie die jüdischen Gewerbler während der dreißiger Jahre in Deutschland die Verwüstung ihrer Läden ‚auslösten’, sind die SVPler Schuld am Straßenkrieg in Bern.“ Wer so treffend in Deutschland den wirklichen Faschismus bloßstellen würde, der wäre natürlich gleich selbst wieder ein – „Nazi“. Klar. Dabei steht das Machtsystem der Achtundsechziger auf Messers Schneide. Das macht sie so aggressiv. Man hat es versucht. Aber Eva Herman ließ sich – anders noch als ihre Vorgänger am Pranger – nicht mehr dauerhaft als „Nazi“ vorführen. Also hat man sich darauf geeinigt, dass sie ein „blondes Dummchen“ ist. Man steht mit dem Rücken zur Wand. Zu offensichtlich ist das Politikversagen auf allen Ebenen geworden. In Randbereichen, etwa der Literaturszene, haben Rebellen bereits Posten erobert. Der libertäre Hinterzimmer-Reaktionär Nicolás Gómez Dávila wird plötzlich auch von Eichborn und Reclam verlegt. Seine deutsche Stimme Martin Mosebach erhält den Georg-Büchner-Preis. Medienmächtige wundern sich, dass die üblichen Verdächtigungen auch hier nicht mehr greifen. Sie haben es einfach übertrieben. Keiner glaubt den Spuk mehr wirklich. Wenn irgendwann die Reaktion die Staatsmacht übernimmt und ebenfalls dann mit der Zeit totalitäre Züge annimmt, Macht korrumpiert schließlich immer, sollte dann nicht eine Zeitschrift wie eigentümlich frei die Achtundsechziger verteidigen und die Reaktion bekämpfen? Wir sollten nicht, wir müssen, wenn wir uns treu bleiben wollen. Aber das wird noch einige Jahre, eher Jahrzehnte dauern. Und bis dahin gilt es, das Schlimmste zu verhindern, indem wir Dinge beim Namen nennen, die andere verschweigen.


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