10. Oktober 2007

Eva Herman bei Kerner Neu war nur der Wipperman

Die Rollen waren gut besetzt, doch das Opfer spielte nicht mit

Einige kurze lose zusammengewürfelte Gedankensplitter zur sagenhaften Talkshow gestern Abend brennen mir auf dem Herzen: Selten zuvor war eine eigentümlich frei-Ausgabe plötzlich so brandaktuell wie das Thema „Geschichtsrevisionismus“ in diesem Monat. Es hatte den Anschein, als folgte Johannes B. Kerners Sendung gestern Abend geradezu dem düsteren Drehbuch meines bescheidenen Editorials.

Kerners Zwischenbemerkungen waren an Zynismus kaum zu überbieten: „Ich will Dich hier fair behandeln“, streute er zwischen seine Anklagen. Und: „Hier darfst Du endlich einmal ausreden“, meinte er gönnerhaft, bevor er Eva Herman wieder unterbrach und zur immer gleichen Frage zurückkam. Unweigerlich musste der Filmfreund unter den Zuschauern dabei an die Verhöre von Ulrich Mühe im Stasi-Drama „Das Leben der anderen“ denken. Oder an die ebenso eindrucksvoll verfilmten Verhöre von Sophie Scholl. Das teuflische in solchen Szenen sind die beiläufig eingestreuten Vertraulichkeiten.

Die hysterische Frau Schreinemakers als Chefanklägerin und Kerner als Richter am Volksgerichtshof sagten immer und immer wieder: „Wir haben ihnen Brücken gebaut, aber sie wollen einfach nicht abschwören“. Was bilden sich diese Leute ein? Stellen wir uns vor, Eva Herman hätte sich tatsächlich von ihrer Aussage distanziert. Danach wäre erst recht der unsägliche Alfred Rosenberg-Vergleich gekommen und sie hätte erneut abschwören müssen. Solange, bis sie am Boden liegt. Und schwört sie nicht ab, ist sie erst recht schuldig. Das penetrante Wiederholen der Frage „Wollen sie sich nicht doch jetzt mal korrigieren?“ erinnerte ein wenig an einen weiteren schaurigen Film; an den „Marathon-Mann“ mit Dustin Hoffmann und der Frage des Zahnarztes: „Sind Sie außer Gefahr?“

„Dem Johannes“ war es trotz aller geweckter Jagdinstinkte irgendwie unbehaglich, die immergleiche Frage an „die liebe Eva“ zu stellen, die ihm seine Regie vorgegeben hatte. Am Ende rettete er seine Sendung durch den Rausschmiss Eva Hermans vor dem inszenierten Eklat der Frau Schreinemakers. In den verbleibenden 10 Minuten der Sendung ließ er Frau Schreinemakers, die mit Sicherheit noch eine finale Anklage vorbereitet hatte, kein einziges Mal mehr zu Wort kommen. Wie wäre die Sendung mit einem weniger „netten“ Moderator bei gleicher Regie verlaufen? Kaum auszudenken.

Frau Herman ist nun also ein Nazi, weil sie wie von Spiegel-Online „aufgedeckt“ über die gleichgeschaltete Presse beklagte, wie es sie bei den Nazis auch gab. Deshalb sei „gleichgeschaltet“ böse und sie habe sich „verraten“. Absurder geht es nicht. Meinte man. Bis Prof. Wolfgang Wipperman uns auch diesen Dreh fachmännisch erläuterte. Eva Herman konterte trocken, dass auch der „Spiegel“ den bösen Begriff ständig benutzt habe und im Übrigen dürfe man, wenn man Begriffe verbietet, auch nicht mehr auf der Autobahn fahren. Treffer. „Das dürfen Sie nicht sagen!“ – schrie die Anklägerin entsetzt.

Die tragenden Rollen waren mit Kerner und Frau Schreinemakers gut besetzt. Doch das Opfer des öffentlich-rechtlichen Folterspektakels spielte nicht mit und wuchs an diesem Abend über sich hinaus. Wer sonst wäre vor dieser Szenerie so souverän geblieben? Eine Frage an die Historiker bleibt: Gab es bei Stalins und Hitlers Schauprozessen auch eine vierte tragende Rolle für „den Historiker“?

Schauderhafter noch als die Sendung sind jene Sorte Zuschauer, die sadistisch Beifall klatschen, wenn jemand vorgeführt werden soll. Jene, die sich etwa freuten, als Eva Herman ihren Job verlor. Die sich moralisch aufplustern und sich im Recht „vor der Geschichte“ glauben, wenn Meinungen gezielt kriminalisiert werden. Es stimmt traurig, dass sich manche von ihnen als Freiheitsfreunde verkaufen.

Heute sprach ich mit einem ausländischen Mitbürger aus Osteuropa. Er war völlig eingeschüchtert und meinte, dass eine solche Propaganda-Sendung gegen Ende des real existierenden Sozialismus dort nicht einmal mehr möglich war. Er hat Angst. Er „wusste bisher gar nicht“, dass man in Deutschland „offenbar viele Dinge wirklich nicht sagen darf“.


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