01. Oktober 2007

Anne Will und Veronica Ferres Politisch unkorrekte Sozialismusbewältigung

Ein Paradigmenwechsel am Sonntag-Abend?

Vorgängerin Sabine Christiansen hätte bei diesem Thema alle Plattitüden- und Peinlichkeitsrekorde auf der nach unten offenen ARD-Sonntagsskala durchbrochen. Und Anne Will? Respekt!

„Unrecht vergeht nicht – der lange Schatten der DDR“ – hieß das Thema im Anschluss an den ersten Teil des Fernseh-Zweiteilers „Die Frau vom Checkpoint Charlie“. Und obwohl sich wie üblich Profi-Politlangweiler in Gestalt von Peter Hinze (CDU), Petra Pau (SED-PDS-Linke) und Friedrich Schorlemmer (SPD) mehr oder weniger platt parteipolitisch beteiligten, schrieb diese Sendung am Sonntagabend ein kleines Kapitel Mediengeschichte.

Anders als Frau Christiansen stellte Anne Will die Parteifuzzis an den Rand und Marianne Birthler als Leiterin der Stasi-Behörde, Jutta Gallus-Fleck und ihre beiden Töchter als Stasi-Opfer, welche dem Film als Vorlage dienten, und die hoch intelligente Veronica Ferres als Hauptdarstellerin in den Mittelpunkt. Heraus kam eine Talkshow, die dem eigenen Motto widersprach. „Politisch denken, persönlich fragen“ – da stimmte dank Anne Will nur der zweite Teil. Gedacht wurde vor allem von Jutta Gallus-Fleck und Veronica Ferres nicht politisch, sondern provozierend antipolitisch.

Die Hoffnung auf gute Unterhaltung am Sonntagabend hatte man in den zähen Christiansen-Jahren längst verloren. Und dann das! Vermutlich erstmals überhaupt im deutschen Fernsehen wurde über 90 Minuten ohne einen Widerspruch – Christiansens Lieblingsgäste Gysi, Geißler und Lafontaine hätten das nicht durchgehen lassen – die DDR mit dem Dritten Reich verglichen. Ständig wurde wie selbstverständlich von der „zweiten deutschen Diktatur“, ja vom „zweiten totalitären Unrechtsstaat“ gesprochen. Bislang galt so etwas als „böse Verharmlosung des Hitler-Faschismus“. Bei Anne Will aber bezeugten die kecken Blondinen Gallus-Fleck und Ferres, dass eine totalitäre Kontinuität von Braun nach Rot herrsche. Und wo sie gerade dabei waren, die Mauern der Politischen Korrektheit mal eben im Vorbeigehen wie einst Günter Schabowski einzureißen, verurteilte eine grandiose Veronica Ferres auch gleich noch die verlogene Entspannungspolitik des Westens gegenüber der Verbrecherbande aus Wandlitz.

Wie abgrundtief amoralisch, so wurde deutlich, muss ein Regime gewesen sein, welches seine gefolterten politischen Gefangenen gegen bares Westgeld verkaufte? Und was ist von westlichen Politikern zu halten, die Menschen in dieser Form befreien halfen, um sich gleichzeitig mit den Tätern immer wieder gerne zum entspannungsfreudigen Tête-à-tête zu treffen? Da gäbe es noch einiges aufzuarbeiten, vom DDR-Milliarden-Kredit durch Franz-Josef Strauß über den freundschaftlichen, ja beinahe homoerotischen Empfang des saarländischen Sozialisten Honecker durch den saarländischen Sozialisten Lafontaine bis hin zum tiefrot- und hochnotpeinlichen SED-SPD-Grundsatzpapier.

Dieser Sonntagabend traf Politikfreunde wie Nostalgiker tief ins Mark. Die Linkspostille „Konkret“ wusste bereits vor der Austrahlung des Films, welche Stunde ihren Ideen schlug: „Skandalös primitive Kulisse“, „stolpriges Bauerntheater“ und „kitschige Propagandakunst“ – so platt wehrten sich immer schon die Ewiggestrigen gegen Wahrheiten. Bei Anne Will wurden sie alle entlarvt – Politiker im Osten wie im Westen. Ganz am Rande klang sogar an, dass es sich nicht alleine um ein historisches Thema handeln könnte.

Der wuchernde Überwachungsstaat als Schäubles Stasi-Neuauflage wurde zwar nicht thematisiert. Aber das Gespräch fiel immer wieder auf das spannende Dreiecksverhältnis von Freiheit, politischer Opposition und Flucht ins Ausland. Die DDR zerbrach entgegen einiger Legenden nicht an den Bürgerrechtlern. Sondern an denen, die flüchteten. An den zum Schluss Tausenden, die in Osteuropa ein kleines Loch im Eisernen Vorhang fanden – und einfach aus dem Gefängnis ausbrachen. Auch bei Anne Will wurden die widerstreitenden Gefühle der in der DDR bleibenden Bürgerrechtler angesprochen. Immer wieder verließen die Besten das Land – und die, die blieben, wurden geschwächt.

Und heute? Sicherlich, der Stasi-Knast Hohenschönhausen wurde noch nicht wieder in Betrieb genommen. Und der Schießbefehl an der Grenze blieb uns bis heute auch erspart. Und doch fliehen schon wieder Hunderttausende jährlich aus einem neosozialistischen Staat. Es sind erneut die Besten, die ihr Glück in der Schweiz, in Großbritannien oder in den USA suchen. Die genug haben von ständiger bürokratischer Gängelung und jede Hemmung verlierenden Steuer- und Abgabendiebstahl für einen außer Rand und Band geratenen Sozialstaat. Auch heute schwächt diese Entwicklung das zarte Pflänzchen der entschieden liberalen Opposition gegen ein marodes System, mit dem sich die allermeisten arrangiert haben. Wenn überhaupt jemand den Irrsinn stoppen kann, dann erneut der immer größer werdende „Brain Drain“, das schlichte Lebewohl derer, die mal wieder genug vom Sozialismus haben. Die einfach Tschüss sagen – und mehr Freiheit woanders suchen.

„Was ist gerecht?“, wollte die Zeitschrift „Geo“ in einer Umfrage ermitteln. Heraus kam, dass sich die Deutschen einen sozialistischen Staat wünschen, der noch „mehr soziale Verantwortung übernimmt“. 75 Prozent der Westdeutschen und gar 88 Prozent der Ostdeutschen sind dafür, dass „der Staat für alle, die arbeiten wollen, einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen“ solle. Nahezu ebenso viele sind der Ansicht, die Regierung müsse „für alle Menschen einen Mindestlebensstandard garantieren“. Auf der anderen Seite stimmen auch der  Aussage „Der Staat sollte eine Obergrenze für die Einkommenshöhe festsetzen“ im Westen 41 Prozent, im Osten sogar 57 Prozent der Befragten zu. 78 Prozent im Westen und 86 Prozent im Osten finden auch, dass „die Betreuung in Krippen und Kindergärten grundsätzlich kostenlos“ sein solle. Die Mehrheit wählt bereits das DDR-Original anstelle der BRD-Kopie. Und wer das nicht mehr ertragen kann, sucht sich seine Nische und sein inneres Exil. Oder er geht.

Der Leiter des Stasi-Museums in der Berliner Normannenstraße, Jörg Drieselmann, selbst auch Stasi-Opfer, schrieb zuletzt in eigentümlich frei: „Dass sich die Bundesrepublik Deutschland auf dem Marsch in den Sozialismus befindet, wird von vielen freudig, von manchen schulterzuckend, von einigen warnend zur Kenntnis genommen. Dass damit aber auch die für sozialistische Regime typischen Erscheinungen einhergehen, ist längst noch nicht in der gebotenen Deutlichkeit realisiert worden. Besucher unseres Museums sind überrascht von der Feststellung, dass die Zahl und die Eigenschaften derer, die heute Jahr für Jahr die Bundesrepublik für immer verlassen, der Zahl und den Eigenschaften der Menschen sehr ähnlich sind, die vor dem Bau der Berliner Mauer aus der DDR flohen. Damals wie heute gingen junge und gut ausgebildete Menschen, weil sie sich nicht länger ausbeuten lassen wollten, weil sie die Freiheit suchten. Und schon hört man heute von Politikern die Behauptungen wieder, die schon von den SED-Funktionären als Begründung für den Mauerbau verwendet worden sind: Diejenigen, die da ihre Heimat illegal verließen, seien schließlich auf Kosten des Volkes gut ausgebildet worden und entzögen sich nun der Pflicht, diese Kosten durch Arbeit an das Volk zurückzuzahlen. Dass man wegen Steuerschulden den Reisepass entzogen bekommen kann, ist jedoch eine bundesrepublikanische Besonderheit. Wahrscheinlich aus gutem Grunde erwähnt das Grundgesetz zwar die Freizügigkeit innerhalb des Bundesgebietes, nicht aber über die Grenzen hinaus. Und Besucher unseres Hauses werden sichtbar sensibilisiert für den Ausbau des gegenwärtigen Schnüffelstaates. Ich habe nicht mitgezählt, wie häufig ich bei den in unserer Ausstellung präsentierten Geruchsproben auf ähnliche Praktiken bundesdeutscher Vollzugsorgane angesprochen worden bin. Und der in der DDR übliche Sozialversicherungs-Ausweis war ein Kinderspiel verglichen mit der geplanten eCard der Krankenkassen, die quasi als Schlüssel zu allen Informationen über den Karteninhaber, einschließlich seines genetischen Fingerabdrucks, fungiert.“

Anne Will und Veronica Ferres deuteten an, dass das Thema nicht nur die Vergangenheit betreffe. Das sozialistische Déjà-vu hat leider längst begonnen. Wirkliche Hoffnung auf Umkehr besteht dann, wenn Veronica Ferres über den heute real existierenden Sozialismus einen aufrüttelnden Film dreht. Und Anne Will das Thema „Flucht aus dem BRD-Sozialismus“ entdeckt. Frau Will, Frau Ferres, übernehmen Sie!


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