10. September 2007

Klassenkampf II Und nach dem Bürgerkrieg?

Es gibt wenig Grund zur Hoffnung

Vier Fragen wurden mir nach meinen Überlegungen zum Vorbürgerkrieg gestellt. Erstens: Ist der vorgezeichnete Weg in den Bürgerkrieg unausweichlich? Zweitens: Widerspricht das Szenario den Überlegungen von Götz Kubitschek oder ergänzt es sie? Drittens: Wer gewinnt den Bürgerkrieg und was folgt? Und Viertens: Sollten sich kluge Menschen aus kollektiven Kriegen nicht möglichst heraushalten?

Die erste Antwort ist die einfachste. Nichts ist vorbestimmt. Meistens kommt es anders als man denkt. Es geht um die Abschätzung von Gefahren, nicht um Wahrsagerei.

Die Gefahr eines Bürgerkrieges in den Städten Westeuropas ist groß. Götz Kubitschek sieht in erster Linie ethnische, kulturelle und religiöse Konfliktlinien, ich habe auf eine Art „Klassenkampf“ entlang materieller Interesssen hingewiesen. Das eine schließt das andere nicht aus.

Sollten die klügeren unter den Wirtschaftsanalysten recht behalten, dann droht innerhalb der nächsten 15 Jahre eine die Grundfeste erschütternde Währungs- und Wirtschaftskrise. Danach wird nichts mehr so sein wie heute. Wirtschaftskrisen sind – das wissen wir – der Humus, auf dem Bügerkriege gedeihen.

Schauen wir uns vergangene Bürgerkriege an, so fällt auf, dass es im Anschluss immer einen Verlierer gibt; die Freiheit. Im Normalfall scheinen die größten Schurken die Bürgerkriege zu gewinnen, so etwa die Blauen gegen die Grauen in Amerika oder die Roten gegen die Weißen in Russland. Im Zweifel wurde die Fahne der Freiheit eher in den blauen und weißen Reihen der Verlierer hochgehalten, bis sie im Dreck neben den Gefallenen lag. Unabhängig davon verliert in Kriegen ohnehin immer das Individuum.

Der amerikanische Bürgerkrieg war in erster Linie eine Steuerrebellion des Südens gegen den Norden. Wenn es jemals annähernd einen gerechten Krieg gegeben hat, dann war es die Sache des Südens, ihr verbrieftes Recht auf Austritt aus der Union einzufordern. Die Frage der Sklavenbefreiung wurde erst im Nachhinein von den Siegern zur Rechtfertigung ihrer schweren Kriegsverbrechen herangeführt.

Nichts spricht dafür, dass im heraufziehenden Bürgerkrieg in Westeuropa am Ende diesmal die Freiheit gewinnt. Schon deshalb – wenn nicht alleine aus grundsätzlichen Erwägungen – sollte sich aus dem Krieg heraushalten, wer kann.

Nützen wird die Verweigerung aber nicht. Der amerikanische Spielfilm „Shenandoah“ (deutsch: Der Mann vom großen Fluss) beschreibt das sehr eindrucksvoll: Der Farmer Charlie Anderson (James Stewart) ist ein radikaler Libertärer und Individualist. Politik und entsprechend die beiden Kriegsparteien verachtet er. Er versucht, seine Familie aus dem Krieg herauszuhalten. Es gelingt ihm nicht. Einer seiner Söhne wird von der Armee gefangengenommen und eher versehentlich erschossen. Eine Tochter und ihr Mann werden brutal von Plünderern ermordet, die noch jeder Krieg hervorbrachte.

Der Einzelne hat am Ende keine Chance, ob er sich heraushält oder nicht. Ein Schwiegersohn von Charlie Anderson sagt: „Mitmachen ist einfacher als weglaufen.“

Und wohin könnte man in einem westeuropäischen Bürgerkrieg auch laufen? Es würde eine sehr lange Reise werden – ohne Garantie, von den vielleicht weltweiten Wirren verschont zu werden.

In Kriegen und Bürgerkriegen wird aus politischen Motiven gemordet. Ein niedrigerer Beweggrund als Politik für das Töten von Menschen ist nicht vorstellbar. Ein Krieg würde die politisch ohnehin betriebene Entzivilisierung und Entprivatisierung auf die Spitze treiben.

Insofern wäre es ein Segen, wenn Götz Kubitschek und ich nicht recht behalten sollten und der Bürgerkrieg auf unbestimmte Zeit verschoben wird.

Ich halte das aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit einer kommenden Währungs- und Wirtschaftskrise und vor dem Hintergrund der vielen verheerenden politischen Weichenstellungen der vergangenen Jahre für leider eher unwahrscheinlich.


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