28. Juni 2007

Henryk M. Broder Der Schweinehund

Rinks und lechts verschwimmen, Broder bleibt vorne

Richtig gute Fußballer müssen schlicht sein. Vielleicht dumm. Das war bei Lothar Matthäus so. Das ist bei Lukas Podolski nicht anders. Sie haben keine Zeit, in Zehntelsekunden über Schüsse und Pässe nachzudenken, sie sollten intuitiv handeln, vielleicht auch mal mit der Hacke oder per Fallrückzieher. Zuviel Denken stört auf dem Platz.

Richtig gute Journalisten müssen gemein sein. Vielleicht Charakterschweine. Das gilt für den Hardcore-Sozialisten  Hermann L. Gremliza genauso wie für den Neokonservativen Henryk M. Broder. Sie sollen Orientierung geben, keine grauen Nebelschwaden werfen. Schwarz oder Weiß – greller Scheinwerfer in dunkler Nacht. Und – auch das offenbar ein Erkennungsmerkmal der besten Jorunalisten – ein Glas guten Rotweins wird selten abgelehnt. Dazu kommt: Zunehmendes Alter schärft den Blick und spitzt die Feder – Broder ist 60, Gremliza bereits 66 Jahre alt.

Einer dieser klarsichtigsten und spitzfindigsten Orientierungsgeber hat nun den nach Ludwig Börne benannten und mit 20.000 Euro ausgezeichneten höchsten Journalistenpreis erhalten: Henryk M. Broder – früher wie Kollege Gremliza ein ausgesprochener Linker und Antikapitalist, heute ein Freund der Marktwirtschaft und vor allem des politischen Westens. Keiner verteidigt so bissig wie er die Regierungspolitik der USA oder Israels. Broder, so der „Tagesspiegel“ in einem Interview mit ihm, stehe „in dem Ruf, Stellvertreter George W. Bushs auf Erden zu sein.“ Ein „großes Kompliment“, meint Broder. „Allerdings habe ich bisher immer Bush als meinen Stellvertreter in den USA gesehen.“

So ist er, voll Witz, Esprit – und Selbstbewusstsein. Tiefstapeln ist seine Sache nicht. Er habe, so bekennt er in seiner Dankesrede, auch den Preis zurecht erhalten.

Man muss nicht alles mögen, was ein richtig guter Journalist schreibt. Von Kollege Gremliza etwa sollte man inhaltlich eher gar nichts mögen können. Aber die Artikel herausragender Journalisten bereiten Lesevergnügen, auch wenn man nicht ihrer Meinung ist. Es sei denn, wir heißen Alfred Grosser und lamentieren in der „taz“ über die ungerechte Preisvergabe. Dazu hat Broders Freund Alan Posener in Welt-Online das Nötige gesagt: „Grosser besitzt nicht die Größe, einem Mann den Börne-Preis zu gönnen, der entschieden anderer Meinung ist als er selbst. Das ist peinlich.“ Und neidisch. Eine Eigenschaft, die Henryk M. Broder nach eigener Aussage völlig fremd ist. Das klingt glaubwürdig – und am Ende sogar tief sympathisch.

Kaum einer, außer vielleicht der linksextreme „Konkret“-Herausgeber, hätte den Börne-Preis mehr verdient als der begnadete Polemiker Henryk M. Broder. „Focus“-Chefredakteur Helmut Markwort – so will es die Regelung im Börne-Preis-Komittée – hatte den Ausgezeichneten alleine gewählt und musste dies entsprechend in der Laudatio begründen. Er berief sich dabei auf den Preisträger Broder selbst: „Der bestreitet nämlich, ein Polemiker und Pamphletist zu sein, obwohl er diese Gattung erfrischend wiederbelebt hat. Als wir uns nach der Bekanntgabe dieser Ehrung für ihn einen Nachmittag zusammensetzten, wollte er von Polemik und Pamphleten nichts wissen. Er sei einer, der nur höre, lese, staune und aufschreibe, wollte er mir weismachen. Ich halte diese Simplicius-Simplicissimus-Rolle für pure Koketterie und lasse mich nicht davon abbringen, ihn als einen Meister dieser leider wenig gepflegten und bei uns wenig geliebten Kunstformen zu preisen.“

Broder verteidigt Kapitalismus, Demokratie und die USA. Broder liegt und lag dabei oft quer. Er sei „immer noch ein linker Anarchist, auch wenn ich nicht mehr aussehe wie Frank Zappa. Wenn Sie mich fragen, wie das denn zusammenpasst, Anarchist und Amerikafreund, dann vergessen Sie, dass Amerika aus dem Geist der Anarchie gezeugt wurde. Da haben hier noch die Burschenschaften Schmisse verteilt.“ Dass sich die halbanarchistischen Gründerväter Amerikas bei Goerge W. Bushs heute schmissiger Außenpolitik vermutlich im Grebe drehen, was schert es den Polemiker? Dabei sieht er sich als einsamen Streiter, alleine gegen die anderen. Oder wie er es bei der Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche formulierte: „Bin ich verrückt, oder sind es die anderen?“

Als Pamphletist versteht er es geschickt, falsche Fährten zu legen. Mag er nämlich in seinem Eintreten für die Marktwirtschaft im Rahmen der Mainstreammedien in der Minderheit sein, so wird seine Stimme für die Regierungspolitik der USA und Israels auf breiter Front gedruckt – im „Spiegel“, in der „Welt“, in der „Welt am Sonntag“, in der „Zeit“, im „Focus“, in der Schweizer „Weltwoche“. Dort lesen wir nicht nur immer wieder Broder, sondern auch seine neokonservativen Mitautoren Hannes Stein, Richard Herzinger, Michael Miersch und wie sie alle heißen. Die Umkehrung ist wahr: Wer in den großen meinungsbildenden Mainstreammedien nicht Broders außenpolitische Position vertritt, wäre verrückt. Wer ihm gar zu Israel widersprechen würde, wäre gefährdet, seine Existenz als Journalist zu verlieren.

Der Stiftungsvorstand der preisverleihenden „Ludwig-Börne-Stiftung“ wird gebildet aus dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, der Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main, dem Kulturdezernenten, dem Chef des Axel-Springer-Verlages, dem Verleger des „Focus“ sowie dem Intendanten des ZDF. Allein in der Wüste? Wohl eher nicht.

Broder muss und wird nicht zugeben, dass er in den außenpolitsichen Fragen nur die Speerspitze des Mainstreams ist. Es ist auch nicht seine Aufgabe. Doch was steckt eigentlich dahinter? Ist es eine große journalistische Koalition? Oder ein Paradigmenwechsel?

Es geht um den Gegner der politischen und journalistischen Machtelite. Früher wurde sie bedroht durch den Kommunismus und die Sowjets. Damals gab es linke und rechte Positionen. Und heute fühlt sich diese Machtelite durch den Islam und die Mullahs bedroht. Man verteidigt sich möglichst offensiv – mit Henryk M. Broder als Sturmgeschütz.

Im Innern ist es unübersichtlicher. Bedrohte die DKP – der damals Broder nicht allzufern stand – in Zeiten der kommunistische Gefahr jemals die Grundfeste „unserer Demokratie“? Das vermutete damals allenfalls die Rechte. Die Linke zweifelte. Und heute? Bedroht eine Großmoschee in Köln die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“? Broder und der Presse-Mainstream halblinks und halbrechts schreien: Ja! Und die äußerste Rechte stimmt begeistert zu. Schon tritt der Broder-Freund und Moslem-Kritiker Udo Ulfkotte auf Veranstaltungen des rechtskonservativen Instituts für Staatspolitik auf. Leute, die sich sonst nie die Hand gereicht hätten, machen plötzlich gemeinsame Sache. Ist Ralph Giordano jetzt ein Nazi?

Und wer wiederspricht ihnen? Ein paar ewiggestrige antikapitalistische Linke, die aus Prinzip nicht von Multikulti lassen wollen. Und ein paar entschieden pro-kapitalistische Liberale, die Freiheit und Eigentum ernst nehmen und auch Moslems zubilligen. Die nur Individuen kennen und sich weigern, in Kollektiven zu rechnen. Der Rest zerbricht an den alten Fronten, etwa jene nur noch wenigen Konservativen jenseits des Mainstreams, welche im Islam gleichzeitig eine Bedrohung der abendländischen Kultur wie auch einen Verbündeten im Kampf für die konservativen Werte derselben sehen.

Solche Orientierungsprobleme hatte Broder nie. Er sagt: „Erst wenn Frauen in Saudi-Arabien Bikinis tragen dürfen, ist die Toleranz Europas nicht mehr eine einseitige gegenüber der muslimischen Welt.“ Und: „Was soll man denn sonst verletzen, wenn nicht religiöse Gefühle? Seit wann kennen Leute, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlen, Rücksichten auf religiöse Gefühle? Meine Gefühle als Nicht-Religiöser werden auch ständig verletzt, meine Gefühle werden verletzt, wenn im Iran 16-jährige Homosexuelle aufgehängt werden.“ Soweit stimmt seine Empörung.

Doch Broder wäre kein begnadeter Polemiker, wenn er in den Folgerungen nicht auch mal über das Ziel hinausschießen würde: „Ich kämpfe gegen 1,5 Milliarden Moslems in aller Welt, die chronisch zum Beleidigtsein und unvorhersehbaren Reaktionen neigen.“ Vielleicht hat ein streitlustiger Pamphletist per se nicht sehr viele persönliche Freunde. Bei Broder ist offenbar kein einziger Moslem darunter. Den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad mag er am wenigsten. Selbst in seiner feierlichen Dankesrede in Frankfurt erwähnt er ihn, den personifzierten Pösen, den „Mann in Teheran, der den letzten Holocaust leugnet und den nächsten plant.“ Das ist zwar eine unglaublich freche Unterstellung. Im kalten Krieg, der längst eskaliert, aber darf man sowas. Im ZDF, im „Spiegel“, im „Focus“, in der „Zeit“. Und überhaupt. Broder sagt an vorderster Front das, was alle kalten Krieger hinter ihm denken.

Widersprochen hat ihm an dieser Stelle keiner. Selbst der neidischste Kollege nicht. Wer wollte dies auch wagen, wenn ein Jude das Wort „Holocaust“ spricht? Broder kann sich gerade an den Fronten sicher fühlen, wo andere offen im Schussfeld stehen würden. Deshalb kann er sich so sehr viel weiter vorwagen. Und das verführt dazu, Fehler zu begehen.

Zu Guantánamo schreibt er: „Die Idee, man könnte dem Terror nur mit rechtsstaatlichen Mitteln beikommen, übersteigt die Grenze zum Irrealen. Es ist, als ob man die Feuerwehr auffordern würde, sich bei ihren Einsätzen an die Straßenverkehrsordnung zu halten und auf keinen Fall eine rote Ampel zu überfahren.“

Für solche Momente, wo angeblich liberalen Journalisten sämtliche Sicherungen durchgehen, hat Broder selbst die richtigen Worte gefunden: „Früher hätte ich etwas darüber geschrieben. Jetzt belasse ich es bei der gesteigerten Form der Grausamkeit: Ich zitiere ihn nur noch. Es gibt Sachen, zu denen kann man nichts mehr sagen.“

Man möchte hinzufügen: Auch aus krassen Fehlern kann man lernen. Von Broder können wir also immer lernen – und oft mit ihm, dem Meister des Sarkasmus, lachen.

Die „taz“ schreibt am Ende über Broder: „Man liebt ihn oder man hasst ihn – selten ist es etwas dazwischen.“ Ein billiger Weg, seinen einfältigen Neid-Kolumnisten zu rechtfertigen. Intelligenter wäre es, Henryk M. Broder zu lieben und zu hassen. Und dankbar dafür zu sein, dass er einen nie kalt lässt, dieser geniale Schweinehund! Das Entweder-Oder von Liebe oder Hass überlassen wir derweil den Fußball-Fans und ihren Idolen je nach Vereinszugehörigkeit.


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