16. Mai 2007

Eurovision Song Contest Westmafia, Ostlesbe und der vielleicht beste Grand Prix aller Zeiten

Wo die deutschen Medien einmal mehr daneben liegen

Unmittelbar im Anschluss an die Liveübertragung aus Helsinki saßen wir Zuschauer in der ersten Reihe bei den ausstrahlenden Staatsfunkern der ARD und deren „After-Show“-Sendung. Wir lauschten dem ersten Kommentar: „Dass ich das aus Osteuropa noch erleben darf: Kampflesbe schlägt Transe!“ Auch der ebenfalls betont tuntige Moderator zeigte sich begeistert ob der „ungewöhnlichen rosa Welle aus Osteuropa“. Der „Spiegel“ hatte schließlich schon in den Tagen zuvor verkündet, dass der alte Schlager-Grand-Prix „traditionell von Schwulen geliebt“ werde. Die „Bild“-Zeitung war mit dem Ergebnis dennoch unzufrieden und titelte: „Stoppt endlich den Schummel-Grand-Prix! Die Stimmen-Mafia aus Ost-Europa macht den Sieg unter sich aus!“

Eine osteuropäische Mafia, die Transsexuelle und Kampflesben sponsert und zum Sieg schummelt? An einem Samstagabend vor mehr als sieben Millionen TV-Zuschauenern alleine in Deutschland?

Langsam. Die Gewinnerin Marija Serifovic aus Serbien mag tatsächlich, wie es „Bild“ exklusiv herausgefunden haben will, eine „Lesben-Ikone“ sein. Doch schon der Zweitplatzierte Verka Serduchka heißt mit richtigem Namen Andrij Danilko und ist weder transsexuell, wie fast alle deutschen Medien mutmaßen, noch auch nur ansatzweise schwul. Jedenfalls nach eigenen Angaben.

Die künstlerische Verkleidung als Frau hat in der Ukraine oder Russland, wo Danilko seine meisten Fans hat, eine lange Tradition. Eine solche gibt es auch in Deutschland oder in den USA. Einst verkleideten sich Heinz Rühmann oder Heinz Erhard in Frauengewändern und weder die „Bild“ noch die ARD hielten die beiden damals für schwul oder transsexuell. Und, heute fast unvorstellbar, galt der Grand Prix in Deutschland just auch dann noch als ausgesprochene Familiensendung, als Dustin Hoffman selbst als Tootsie noch nicht geschlechtlicher Änderungswünsche bezichtigt wurde. Lang ist all das her. Damals ging es um Komik, nicht um politische Korrektheit. Die Osteuropäer blieben hinter ihrem eisernen Vorhang von der alles Intime politisierenden Kulturrevolution der Achtundsechziger weitgehend verschont. Weshalb sie sich über denselben Andrij Danilko heute aus gänzlich anderen Gründen erfreuen. Doch dazu später mehr.

Kommen wir zunächst zum elektoralen Schummel-Voting von „Bild“ und ARD. Denn die angebliche Stimmen-Mafia, das waren ja tatsächlich die Zuschauer, die über den alten „Ted“ oder per SMS abstimmten. Keine schummrigen Schieber in Hinterzimmern, sondern der demokratische Souverän an der Wahlurne. Persönlich. Kollektiv. Das Volk. Der Bösewicht. Doch wo genau schummelten die Zuschauer? Wirklich in Osteuropa?

Vergleichen wir dazu die Punktvergabe einiger Länder mit der aus dem Vorjahr. 2006 fand der Eurovision Song Contest in Athen statt. Damals gewann Finnland vor Russland und Bosnien-Herzogowina. In Helsinki siegte nun Serbien vor der Ukraine. Dritter wurde Russland. In der Gesamtwertung heißt es gemäß des Grand-Prix-Punktschemas also:

Gesamt 2006: Finnland 12, Russland 10, Bosnien 8.
Gesamt 2007: Serbien 12, Ukraine 10, Russland 8.

Nehmen wir nun vier typische westliche Länder und schauen uns deren Wertung an:

Deutschland 2006: Türkei 12, Finnland 10, Griechenland 8.
Deutschland 2007: Türkei 12, Griechenland 10, Serbien 8.
Belgien 2006: Armenien 12, Griechenland 10, Finnland 8.
Belgien 2007: Türkei 12, Armenien 10, Griechenland 8.
Frankreich 2006: Türkei 12, Armenien 10, Finnland 8.
Frankreich 2007: Türkei 12, Armenien 10, Serbien 8.
Niederlande 2006: Türkei 12, Armenien 10, Bosnien 8.
Niederlande 2007: Türkei 12, Armenien 10, Serbien 8.

Weder die Lieder aus der Türkei noch aus Armenien oder Griechenland gehörten zu den beliebtesten Titeln beider Wettbewerbe. Dennoch erhielt die Türkei in Sage und Schreibe sieben von acht Fällen aus beiden Jahren 12 Punkte. Und dennoch wurden von der „Westmafia“ auch den Armeniern und Griechen auffällig viele Punkte zugeschoben. Alle anderen Länder hätten also wahrlich Gründe genug, über die Schieberstimmen aus Deutschland und seinen westlichen Nachbarn zu schimpfen. Schlimmer können die Oststaaten gar nicht „schummeln“, als hierzulande alljährlich die Punkte nach Ankara oder Athen verschoben werden.

Aber das liegt ja gar nicht an den Deutschen? Und auch nicht an den Franzosen, Belgiern und Niederländern? Sondern an den dort lebenden Minderheiten? Die einmal im Jahr Mitte Mai ihr nationalistisches Mütchen in fremder Umgebung kühlen? Richtig! Und genau dies ist auch der wirkliche Grund für das Stimmverhalten im Osten. Nicht Mafia, sondern nationale statt Euro-Visionen. Rituelle Erhebungen von Volksgruppen in der Diaspora. Was Millionen Türken, Griechen und Armenier im Westen, das sind Millionen Russen im Baltikum und Hunderttausende Serben auf dem Balkan. Sie folgen den nationaldemokratischen Spielregeln des Song-Grand-Prix, sonst nichts.

Alles in allem gleicht sich derlei mehr nationalpolitisches als musikalisches Wahlverhalten in Europa wieder aus. Die „Bild“-Kritiker von Bildblog.de rechneten nach: Wenn in der Abstimmung der Osten gar nicht berücksichtigt worden wäre und nur die westlichen Stimmen gezählt hätten, dann hätte ebenfalls Serbien gewonnen. Die ersten fünf Plätze wären identisch gewesen, nur Russland und die Türkei hätten als Dritter und Vierter die Plätze getauscht. Deutschland wäre auf dem 14. statt auf dem 19. Platz gelandet. Und die „Bild“ hätte die Mafia wie eh und je in Österreich statt im Osten gesucht.

Sind sich also entgegen der Mutmaßungen deutscher Medien die Europäer musikalisch doch mehr oder weniger einig, so unterscheidet dennoch den Osten kulturell etwas vom Westen. Interessant bleibt nämlich, warum etwa Verka Serduchka diesseits der Musik gewählt wurde. Im Osten eher als Kiewer Version der Kölschen Karnevalsjungfrau oder mindestens als amüsante Tante von Charley, die auch der Schwiegermama und sogar der Oma gefällt. Derweil der Westen unter jedem Frauenkleid eine entsprechende Operation vermutet und deshalb sich selbst beim „Voting“ plüschig „performt“ und seine „Toleranz“ postoperativ feiert. Das ist auch gut so. Vielleicht. Oder wäre es gewesen. Wenn es denn wahr wäre.

Doch dann zog an der originellen Techno-Polka aus der Ukraine ein serbischer Song vorbei, dessen Interpretin bereits auf den zweiten Blick ansatzweise als Frau zu erkennen war. Der Osten wählte sie, weil sie Serbin ist. Und weil man Mitleid hatte mit ihrem Äußeren. Im Westen sieht man dagegen unschöne Frauen in Turnschuhen auf Abendveranstaltungen als ein Zeichen besonderer Frauenemanzipation. Sie erhielt Höchstwertungen in Österreich, der Schweiz und im traditionell besonders frauenbewegten Finnland.

Mediale Irrlichter in Deutschland hin – die sind wir ohnehin gewohnt. Und kulturelle Unterschiede in Europa her – die verordnete westliche Schwulenliebe (mit einem bösen Wort über Homosexuelle landet man in Frankreich wie ein Holocaustleugner monatelang im Gefängnis) ist letztlich auch nicht mehr daneben als der auch politikgewünschte und mindestens ebenso penetrante Schwulenhass im Osten (in der Sowjetunion war Schwulsein eine Straftat). Wichtiger ist: Es war der vielleicht beste Grand Prix der Geschichte mit vielen, vielen Überraschungen und insgesamt sehr guten Titeln. Ein gutes, melodisches Lied und eine Sängerin mit beeindruckender Stimme haben gewonnen. Und der beste Song des originellsten Sängers ist immerhin Zweiter geworden. Soviel Geschmack beweist das Volk in demokratischen Abstimmungen sonst selten.

Internet:

Bildblog
Wikipedia


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