05. Mai 2007

Ron Paul im „Spiegel“ Der Elefant in der Etatistenrunde

Von einem, der den deutschen Hof narrt

Der US-Sender NBC lud zur besten Sendezeit  10 Anwärter auf die Präsidentschafskandidatur der GOP in Ronald Reagans südkalifornischer Präsidentenbibliothek zur ersten großen TV-Debatte ein. Über den Begriff „Debatte“ ließe sich angesichts der Bedingungen, die eher an eine Quizshow erinnerten, trefflich streiten, allerdings könnte man das als „Peanuts“ abtun, angesichts der Tatsache, dass diese zehn Männer gegen Sozialdemokraten antreten sollen, die sich Liberale nennen. In Anwesenheit der ehemaligen First Lady nutzten die Kandidanten – bis auf einen, über den noch zu sprechen sein wird – jede Gelegenheit, den Mythos vom großen republikanischen Präsidenten zu beschwören und sich als seine rechtmäßige Erben zu empfehlen.
 
Nun steht der Mythos Ronald Reagan unter Freiheitsfreunden spätestens seit Rothbards „The Myths of Reaganomics“ auf wackligen Füßen, da dessen Liebe zur Freiheit sich weit mehr in pathetischer Rhetorik denn in konkreten Handlungen ausdrückte. In puncto Maulheldentum dürfte sich John McCain (70), Senator von Arizona, als würdiger Nachfolger empfohlen haben, der allerdings ungleich uncharmanter als ehedem Ronnie ankündigte, Osama Bin Laden bis an die Tore der Hölle zu folgen, um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen. Es konnte sich beim allgegenwärtigen Thema „Irak“ dem unbedarften Zuseher die Frage aufdrängen, ob das Zweistromland inzwischen der 51. Bundesstaat der USA geworden ist, als seien auch die dortigen Schiiten und Sunniten zur Wahl 2008 aufgerufen, so fürsorglich gaben sich die Kandidaten um Wohl und Wehe der dortigen Bevölkerung besorgt. Freiheit und Selbstbestimmung wird – zumindest verbal – unter dem Elephantenbanner der eigenen Bevölkerung versprochen, bemuttert werden müssen die Turbanträger, bis die kapiert haben, wie dem neuen Gott „Demokratie“ zu dienen ist. In alter Politikermanier wandten sich die (insgesamt austauschbaren) Figuren nahezu geschlossen auch gegen einen Rückzug aus dem Irak, da das selbstverursachte Chaos nun nur mit noch mehr Staatsgewalt zu lösen sei – wenn das Bad mal unter Wasser steht, schickt man den Klemptner ja auch nicht nach Hause.
 
Nur ein republikanischer Verteter in der Runde, auch eben jener, der nicht Ronald Reagans Popularität für sich bemühte, tanzte aus der Reihe der großen Gesellschaftsplaner. Kongressmitglied Dr. Ron Paul aus Texas, der von Beginn an gegen den Irak-Feldzug gestimmt hatte, erinnerte stattdessen an die alte republikanische Tradition der Nichteinmischung und plädierte wörtlich für eine bescheidene Außenpolitik. „Don`t police the world“. Nicht den „Kingdom of evil“ und Nicaragua-Befrieder Reagan zitierte der gelernte Gynäkologe, sondern Dwight D. Eisenhower, der ehedem in seiner Abschiedsrede die Amerikaner eindringlich vor den Gefahren des „militärisch-industriellen Komplexes“ gewarnt hatte – wenn Staat und Industrie ins Bett steigen. Erfrischend anders auch Pauls Verständnis von der Rolle des Staates. „Immediately“ – „sofort“, antwortete er auf die Zuschauerfrage, ob er die IRS, die amerikanische Einkommenssteuerbehörde – und damit die Einommenssteuer selbst, abschaffen würde. Dies sei möglich, wenn man nicht erwarte, dass der Staat einen von der Wiege bis zur Bahre begleite.
 
Paul, bei dem man laut US-Webportal Politico.com schwer sagen könne, ob er wirklich Republikaner sei, sagt selbst, dass er keinen Kandidaten erkenne könne, der bereit sei, für die Gründungsprinzipien der GOP einzutreten. Prinzipien sind Paul wichtig, wie er in Tat und Wort mehrfach bewiesen hat, aber es ist noch mehr als zweifelhaft, ob er damit Erfolg haben wird. In den US-Mainstreammedien wird er weiterhin geflissentlich ignoriert, im Gegensatz zur Blogosphere, wo seine Unterstützer leidenschaftlich für ihn eintreten.
 
In der „US-kritischen“ und „aufgeklärten“ bundesrepublikanischen Medienlandschaft wird er bislang völlig ignoriert, obwohl ein pazifistischer republikanischer Präsidentschaftsanwärter doch locker den Seltenheitswert eines Eisbären in Berlin aufweist.
 
Am Tag nach der Debatte schenkte ihm immerhin der „Spiegel“ in seiner Onlineausgabe ein wenig Aufmerksamkeit und bedachte ihn mit der Rolle des „Hofnarren“. Dass die Autorenschaft des „Spiegel“ in unserer in Worthülsen so verliebten Zeit eher dem anderen Lager zugeneigt ist – wer könnte schließlich demokratischer als „die Demokraten“ selbst sein – ist kein Geheimnis und an sich legitim. Wenn die Amis nicht mehr wissen, was eigentlich die Republikaner ehedem inhaltlich ausgemacht hat, kann man auch vergessen, dass auch einmal ein ganzer Staat Etikettenschwindel begangen und vor lauter Demokratie sogar das Reisen verboten hat. Vermutlich passte Ron Paul auch einfach nicht in die lechts-rinks-Schablonen der deutschen Autoren. Ein Republikaner, der gegen den Irakkrieg ist (gut!), aber den Besitz von Schußwaffen verteidigt (böse!) und auch sonst so aus dem Rahmen fällt, weil er gar nichts verspricht, wogegen man sich wenden könnte, sondern die Menschen einfach in Ruhe lassen will? Der muss ein „Hofnarr“ sein.
 
Man kann die beiden „Spiegel“-Autoren wohl auch von jedem Verdacht der subtilen Selbstironie freisprechen, da Hofnarren gerne gewitzter waren, als der genarrte Hof. Dafür war die einzige Untermauerung ihrer Einschätzung einfach zu schäbig. Im Kontext „amüsanter Momente“, die ihnen der zugegebenermaßen dröge Abend beschert haben soll, meinten die „Spiegel“-Fechter, Dr. Paul habe „Sätze wie: ‚Ich habe viele kritische, lebensrettende Entscheidungen getroffen. Ich kann mich im Moment nur an keine erinnern.’“ gesagt. Es bleibt das Geheimnis der Autoren, welche weiteren „Sätze“ Dr. Pauls sie so amüsant fanden. Um dem geneigten Leser aber einen Eindruck über den journalistischen Ethos der beiden deutschen Starreporter zu geben, sei das Zitat in Kontext und voller Länge übersetzt:
 
Interviewer, eine Zuschauerfrage vorlesend: Kongressmitglied Paul, Bob Hussey aus Minnesota schreibt, dass die vielleicht wichtigste Eigenschaft, die ein guter Präsident haben muss, die sei, gute und vernünftige Entscheidungen zu treffen, oftmals auch in Krisensitautionen. Bitte geben Sie uns ein Beispiel einer solchen Krisensituation, in der sie eine Entscheidung treffen mussten.
 
Ron Paul antwortet: „Ich bin mir nicht sicher, ob er sich auf eine politische Entscheidung bezieht, wie zum Beispiel sich in den Wahlkampf um ein Amt zu begeben oder sowas.“ Gelächter aus dem Publikum. „Ich glaube, dass ich im medizinischen Bereich viele kritische Entscheidungen getroffen habe. Ich meine, da sind sie ständig aufgerufen, kritische, lebensrettende Entscheidungen zu treffen, aber ich kann mich an keine besonderes Situation erinnern, in der ich eine kritische Entscheidung getroffen hätte, die viele andere Leute betroffen hat. Aber ich glaube, dass alle Entscheidungen, die wir in der Politik treffen, kritisch sind. Meine wichtigste politische Entscheidung, die eine verfassungstreue Entscheidung war, war es fünf Jahre lang darauf zu drängen, dass dieses Land nicht in den Krieg mit dem Irak zieht.“
 
Das klingt sicherlich weniger trottelig-amüsant, eröffnet aber dem Leser einen Blick in Ron Pauls Mentalität, der als Politiker noch ein Gespür dafür hat, dass politische Entscheidungen das Leben vieler anderer Leute betreffen und damit einen Respekt vor dem Individuum offenbart, wo sich andere der grenzenlosen Macht auf unser aller Leben rühmen und ihre „großen Würfe“ feiern. Für einen Politiker so selten, wie ein Elefant in der GOP.
 
Internet:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,480932,00.html

http://www.mises.org/story/1544


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Autor

Fabio Bossi

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