17. Januar 2007

Evolution Edmund Stoiber und die Atombombe

Die Suche nach dem innenpolitischen Paradoxon

Schon vor dem außergewöhnlichen Gerangel um Edmund Stoiber und seine beiden gutdotierten Jobs in Land und Partei sank die Zustimmung der Bevölkerung zur Politischen Klasse auf ein Rekordtief. Inzwischen vertrauen nicht einmal mehr 20 Prozent der Bürger den Politikern dieses Landes. Im Osten sind es nur noch 10 Prozent.

Innerparteilicher Streit ließ seit jeher jeden Umfragewert noch einmal drastisch sinken. Der systematische politische Raubzug der einen Interessengruppe gegenüber der anderen ist dem mündigen Mob immer noch zu vermitteln gewesen, persönlicher Streit in der eigenen Partei aber noch nie. Das Aufhetzen von Nichtrauchern gegenüber Rauchern, von gesetzlich Krankenversicherten gegenüber Privatkassenpatienten, von Atheisten gegenüber Christen und von Christen gegenüber Scientologen – all das wird als „Politik“ weithin akzeptiert, wenn auch das Vertrauen in die politisch Handelnden ob der persönlich steigenden Lasten stetig schwindet. Aber ein Streit innerhalb einer Volkspartei, noch dazu ausgetragen ohne jegliche Maskerade um vorgeschobene Politinhalte, das ist gänzlich unakzeptabel. Wie kommt das?

Vermutlich müssen wir bei der Suche nach Gründen weit zurückgreifen und evolutionsbiologisch forschen. Der Mensch war und ist nun einmal ein Herdentier. Er lebte jahrtausendelang in hierarchisch organisierten Kleingruppen, aggressiv nach außen und friedlich gegenüber den Mitgliedern der eigenen Sippe.

Der Moralphilosoph Friedrich August von Hayek hat uns darauf hingewiesen, dass es diese Herdenherkunft ist, welche den politischen Sozialismus in der Großgruppe, mithin auch irrsinnige Experimente wie den demokratischen Sozialstaat, erst möglich machten. Wir akzeptieren den Leitwolf, den politischen Führer, selbst wenn es ein Stoiber ist. Wir murren vielleicht, wenn die realen Ergebnisse seiner Regentschaft und vor allem die seiner Kumpanen (die noch weitaus übler sind) schlechter und schlechter werden. Aber wir würden nie die Existenzberechtigung des Leitwolfs oder die von Politik als solcher ernsthaft hinterfragen. Schließlich hat uns dieses Verhalten relativ erfolgreich durch die Jahrtausende geführt.

Ein kurzes Gerangel oder besser noch einen schnellen Übergang des einen Leitwolfs zum anderen erscheinen uns angemessen. Ein tage- oder wochenlanges unwürdiges Spektakel aber wiedert uns an. So macht sich die CSU keine Freunde.

Nun ist in der Massengesellschaft die Unterscheidung von „außerhalb oder innerhalb der Horde“ arg durcheinander geraten. Eine sinnvolle Abgrenzung ist außerhalb der Fankurven in Fußballstadien kaum mehr möglich. Die Unübersichtlichkeit ermöglicht jenes politische Interessengeschacher, welches die eine Gruppe gegenüber der anderen ausspielt. Am Ende gewinnen dann alle Nettostaatsprofiteure gegenüber den Nettosteuerzahlern.

Inmitten der eigenen Horde ist der Mensch ein Kuscheltier. Gegenüber Dritten wird er gerne auch mal zum Berserker. So ist die Menschheitsgeschichte eine Aneinanderreihung zahlloser und immer wiederkehrender Kriege. Politik – also die Organisation der Herde nach außen und innen – war immer. Und die Ultima Ratio von Politik war immer schon der Krieg.

Der israelische Militärexperte und Historiker Martin van Creveld glaubt, dass der Mensch per se ein kriegerisches Wesen ist. Nicht der Staat habe den Krieg, sondern der Krieg den Staat geschaffen. Und das nicht etwa als „Unfall“, sondern sehr bewusst: Weil Menschen Krieg führen und erobern wollten, schufen sie den modernen Nationalstaat als Mittel. Dieser trieb den Krieg dann auch auf die Spitze, bis hin zu den totalitären Kriegsmaschinen in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit ihren Millionen von Opfern. Dann gebar die außer Rand und Band geratene staatliche Kriegsmaschine die Atombombe und machte einen Krieg dadurch fortan plötzlich – versehentlich – unmöglich. Creveld geht so weit, dass er nun den Untergang der Staaten vorhersagt, weil sie ihren Sinn verloren haben. Daran mag man zweifeln.

Die Erkenntnis aber, dass es nur einen Grund dafür gibt, dass in unserem Land und in vielen anderen Staaten seit bereits mehr als 60 Jahren die Waffen schweigen, ist wegweisend. Denn dafür ist nicht etwa eine plötzliche pazifistische Läuterung des Hordenmenschen verantwortlich, sondern alleine das Kalkül. Genauer gesagt ist es die Atombombe.

Staaten mit Atomwaffen führen, so erklärt es van Creveld anschaulich, deshalb keine Kriege mehr miteinander, weil ihre Führungen beinahe unausweichlich mit der eigenen Vernichtung rechnen müssten. Mit der Chance auf Gewinn wurde noch jeder Krieg begonnen. Aber ohne Chance? Nein, Danke!

Kriege werden heute nur noch gegen oder zwischen Staaten geführt, die keine Atomwaffen besitzen. Also etwa gegen den Irak Saddam Husseins. Nicht aber gegen Staaten, welche die Atombombe bereits haben, etwa das Nordkorea Kim Jong-ils. Es ist – dies am Rande – ein Treppenwitz der noch zu schreibenden liberalen Geschichte, dass sowohl linien- und Rothbardtreue Libertäre wie auch ausgewiesene Westler – und damit nebenbei wohl mehr oder weniger alle Leser dieser Zeilen – entweder per se gegen Atomwaffen oder doch zumindest gegen Atomwaffen etwa auch für den Iran sind. Und damit ganz wesentlich gegen die Ausschaltung der politischen Ultima Ratio namens Krieg mit ihren eigenen paradoxen Mitteln. Alles spricht nämlich dafür, dass es keine bessere Garantie für Frieden im Nahen Osten gäbe, als Atomwaffen auch im Iran. Damit wäre ein für allemale Ruhe im Karton, denn auch Israel hat glücklicherweise Atomwaffen, die seine Existenz sichern.

Aber die Entwaffnung von Politik und Herdentrieben mit den Mitteln von nicht einsetzbaren Massenvernichtungswaffen haben sich Liberale oder Libertäre bisher nirgends auf ihre ohnehin kaum vorhandenen Fahnen geschrieben. Sie glauben lieber unbeirrt an die metaphysische Kraft der Ideen. Als wenn hochtrabende Ideologiegebäude wie Pazifismus oder Anarchismus oder die vermeintliche Strahlkraft des Westens je einen Krieg verhindert oder auch nur eine nennenswerte Anzahl Menschen überzeugt hätten.

Dabei gälte es längst, einen Schritt weiter zu gehen, um mit dem nächsten Paradoxon auch den politischen Krieg im Innern, nämlich die sozialstaatlich institutionalisierte Ausbeutung der einen durch die anderen, in einen „kalten Krieg“ zu verwandeln. Wo aber sind die sinnbildlichen „Atomwaffen“, die dies ermöglichen könnten? Wo sind die neuen vielleicht paradoxen (anti-) politischen Waffen, die nach Jahrtausenden plötzlich die politischen Waffen verstummen lassen? Wie können wir den politisierenden Mob als Herdenmenschen zähmen?

Literatur:

Friedrich August von Hayek: Die Verfassung der Freiheit

Martin van Creveld: Aufstieg und Untergang des Staates


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