03. Januar 2007

Henrico, Kurt und Saddam Drei Bärte für ein Halleluja

Nachlese zu einem haarigen Jahreswechsel

Dieser Jahreswechsel war eine backenbarthaarige Angelegenheit. Im medialen Mittelpunkt standen ein plötzlich rasierter Sozialschmarotzer, der ewige Bart des Chefs einer Monopolorganisation der Organisierten Kriminalität in Deutschland sowie ein auf der Flucht und in Gefangenschaft gewachsener Muselmanenbart, der in der Schlinge endet. Doch der Reihe nach.

Zunächst waren da Genosse Weihnachtsmann Kurt und Knecht Ruprecht alias Peter Punk, ganannt Henrico: Henrico Frank, der arbeitslose Gammler, der erst betrunken den SPD-Vorsitzenden Kurt Beck anpöbelte und dann durch dessen vorweihnachtliche Vermittlung acht Jobangebote erhielt und – ausschlug. Wie so häufig sind die politischen und medialen Mainstream-Kommentare zum Thema auf groteske Art daneben.

Denn Kurt Beck war entgegen der ersten Reaktion auch von CDU und FDP nicht „menschenverachtend“ und „unverschämt“, als er den dreckigen Pöbler aufforderte, sich erst einmal zu waschen. Und nein, Kurt Beck hat sich anschließend alles andere als ehrenvoll verhalten, als er aufgrund der öffentlichen Kritik demselben plötzlich rasierten und gekämmten Menschen acht Jobs vermittelte. Man muss offenbar nur lallend und laut genug schreien, um Politiker für die eigene Wohlfahrt zu gewinnen.

Auch bei Henrico Frank verhält sich die eigentliche Lehre umgekehrt zu der in den Medien uns aufgedrängten. Henrico Frank ist eben doch ein typisches Beispiel für einen deutschen Arbeitslosen. Nach einigen Jahren „auf Sozialhilfe“ ist ihm wie Millionen anderen vom Sozialstaat der eigene Antrieb und der Arbeitswille systematisch abgewöhnt worden. Und ja, bei alledem ist er dennoch nicht ganz unsympathisch, denn er hat teilweise sehr gewitzt Kurt Beck und dessen unrasierte Politikerkumpels zur Kenntlichkeit entblößt als das, was sie sind: korrupte Kassierer, die gerne auch mal hier oder dort dem einen oder anderen eine kleine Gefälligkeit tun. Und damit ist nicht etwa Henrico Frank gemeint, sondern die acht SPD-nahen „Unternehmer“, die sich über die kostenlose Werbung und millionenfache Erwähnung natürlich ganz uneigennützig, sozial gerecht und dennoch sehr gefreut haben.

Was für ein verlogenes Polit- und Medienschauspiel, in dem anschließend noch die „Bild“-Zeitung den zuvor frisch-frisiert hochgejubelten Arbeitslosen in bester „Stürmer“-Manier hetzt („Der dreisteste Arbeitslose Deutschlands: Er hat uns alle verarscht!“), weil er die Exklusiv-Story ausschlug, die „Bild“ ihm mit viel Geld anbot.

Am 2. Januar folgte schließlich das furiose Finale mit 51 meist unbärtigen Nachahmungsarbeitslosen, die sich vor Kurt Becks Staatskanzlei den Sylvesterstress und Kater abwaschen, schneiden und föhnen ließen. 21 von ihnen gaben danach frisch frisiert ihre Bewerbungsunterlagen in der Mainzer Staatskanzlei ab. Die anderen 30 waren sich selbst für diese Scheinbewerbungen zu schade. Danach gefragt hat sie auch keiner. Die Medien interessierte mehr, ob der König Kurt für Arme nun auch den 21 neuen Bittstellern helfen wolle. „Natürlich macht er das“, Ehrensache, meint Becks Büroleiter, bärtig oder nicht, und sagt allen des Ministerpräsidenten persönliche Hilfe bei der Jobvermittlung zu. Verwundert oder irritiert das alles noch irgendwen?

Eigentlich ging es den Henrico-Plagiatoren nur um mehr Kohle. Sie brachten zu ihrer Aktion auch die passenden Schilder mit: „Von 345 Euro im Monat kann kein Mensch leben!“ Und vergaßen, dass arbeitende Steuerzahler zusätzlich auch für ihre Miete, ihren Fernseher und viele andere „kostenlose“ Beigaben aufkommen. Nicht nur zu Weihnachten und Sylvester. Doch selbst wenn es wirklich nur 345 Euro wären: Diesen Spruch sollten die arbeitsentwöhnten Mitesser mal durch die Hauptstadtstraßen anderer Länder der Welt tragen. Etwa durch Bagdad. Sie würden dort bestenfalls als das kenntlich, was sie auch hierzulande sind: eine billige Satiretruppe.

Doch Vorsicht wäre ihnen auch angeraten. Denn in Bagdad fallen die Bärte dieser Tage tief. Saddam Hussein wurde am 30. Dezember, so war es der innige Wunsch des strenggläubigen und in diesem Fall glattrasierten Christen George W. Bush, aufgehängt. Die deutschen Bush-Freunde von der „Welt“ höhnten am nächsten Tag unter Berufung auf die „New York Times“ dem grausam Hingerichteten hinterher: „Saddam starb mit Hasstiraden auf den Lippen.“ In Wirklichkeit war es, wie wir zwei Tage später dank eines per Handy heimlich aufgenommenen Videomitschnitts erfuhren, umgekehrt. Die bei der Hinrichtung anwesenden Beamten beschimpfen und verspotten lautstark den wehrlosen Mann, dem sie die Schlinge um den Hals legen. Dieser versucht zu beten. Inmitten des Gebets noch wird er gehängt.

Nun wäre Mitleid mit einem sadistischen Massenmörder wie Saddam nicht unbedingt angebracht. Und wenn es sich bei den seiner Hinrichtung Anwesenden um Angehörige von Saddams Opfer gehandelt hätte, wäre deren Verhalten auch entschuldbar oder zumindest verständlich. Nur war dies nicht der Fall. Es waren hohe Beamte, Schiiten, mehr oder weniger „ganz normale Leute“. Solche, die vermutlich genauso grausam gehöhnt hätten, wenn sie bei der Exekution eines der Opfer von Saddam Hussein hätten dabeisein dürfen. Und genau das macht die Geschichte so traurig. Und lehrreich. Denn wenn es für ein skeptisches – andere sagen: konservatives – Menschenbild nach den traurigen Beispielen Kurt und Henrico noch eines dritten bärtigen Beweises bedurft hätte: Aus Bagdad wurde es kurz vor Jahreswechsel geliefert. Diesmal nicht von Saddam, sondern von seinem blutrünstigen Publikum, auch und vor allem vor den Computer- und Handybildschirmen in aller Welt. Denn der „Live-Mitschnitt“ der Hinrichtung ist innerhalb weniger Stunden zu einem der meistabgerufenen Videos im Internet aufgestiegen.

Und die Moral von derer Jahreswechselgeschicht’: Traue (Politiker- und Medien-) Bärten nicht! Und den meisten Menschen – oder gar Mehrheiten – schon gar nicht.

Trotz alledem: Frohes neues Jahr! Ach ja: Wo war eigentlich Wolfgang Thierse zu Sylvester?


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