10. Dezember 2006

„Die Welt“ Treudeutsch zum Verbot

Zwei Jahre Freiheit waren schön, doch sie sind nun vorbei

Für zwei spannende Jahre wurde das seit jeher betulich-konservative „Springer“-Flaggschiff „Die Welt“ unter ihrem Schweizer Chefredakteur Roger Koeppel in ein radikalliberales Kampfblatt verwandelt, mit außenpolitisch neokonservativem – will heißen: amerikanische Kriegseinsätze befürwortendem – Einschlag. Im Innern stand die „Welt“ plötzlich beharrlich für „weniger Politik“. Roger Koeppel hat sich selbst sogar einmal stolz als „Staatsfeind“ bezeichnet. Nun ist er als Chefredakteur und Eigentümer zurückgekehrt zur Schweizer „Weltwoche“. Und mit ihm wechselt das vermutlich einzige deutschsprachige Mainstream-Organ mit libertären Meinungen von Berlin zurück nach Zürich. Die „Welt“ verkündet nun im Zweifel wieder die altkonservativen Weisheiten der Staatsfans. Dass der neue Chefredakteur Thomas Schmid dabei ein alter 68er ist, zeigt nebenbei, aus welcher Richtung heute die strukturkonservativen Kräfte kommen. Rinken und lechten Habitus kann man wechseln – der Schwur zum alles regulierenden Staat bleibt bestehen.

Dazu zwei jüngste Beispiele: Mariam Lau, die Berliner Chefkorrespondentin der „Welt“, war lange Jahre Kulturredakteurin der „taz“. Wie ihr neuer Chef ist auch sie eine Altlinke und Neurechte. Nebenbei: Solche Karrieren sind deshalb im Hause „Springer“ besonders häufig anzutreffen, weil der über allem stehende Verlagschef Mathias Döpfner denselben Weg gegangen ist. Lau oder Schmid sind nicht die einzigen, die in das von ihm gemachte Nest gefolgt sind, ohne dabei recht eigentlich ihre politikhungrige Meinung ändern zu müssen. Mariam Lau also fordert in ihrem Artikel „Killerspiele sofort verbieten!“ ein staatliches Verbot von „gewaltverherrlichenden Computerspielen“. Dabei weiß sie durchaus, wieweit sie hier in private Freiheitsrechte eingreift, beruft sie sich doch ausgerechnet auf das Meinungsverbot zum Holocaust. Im selben Atemzug schrei(b)t sie: „Die Bewertung neuer Software gehört in staatliche Hände!“ Solch Ansinnen geht noch über bisherige Meinungsverbote hinaus, wo man für abstruse Geschichtsauffassungen schonmal jahrelang in den Knast geschickt wird. Neue Spiele, überhaupt neue Software – und Meinungen? – sollen demnächst nicht im Nachhinein verboten, sondern lauwarm von einer staatlichen Prüfstelle zuvor erlaubt werden. Das erinnert an den alten Scharfblick, wonach in Amerika alles erlaubt sei, was nicht verboten ist – und in Deutschland alles verboten sei, was nicht erlaubt ist. Im Zweifel lieber politisch, so ist es bei Altlinken und Neurechten in Deutschland immer schon gewesen. Bei derlei Meinungssitten hat ein Schweizer Freidenker wirklich nur gestört.

Der neue Chefredakteur Thomas Schmid höchstpersönlich hat das zweite Beispiel zu verantworten. In seinem Artikel „Rauchverbot: Hier hat der Staat versagt“ fordert er vehement Rauchverbote in privaten Gaststätten. Er befindet: „Nichtraucher haben das Recht, vom Passivrauchen verschont zu werden. Es hat in Deutschland lange gedauert, bis diese Einsicht beim Gesetzgeber angekommen ist. Endlich aber hieß es: Restaurants werden rauchfrei sein.“ Warum eigentlich nur Restaurants? Warum nicht auch private Wohnzimmer? Weil wir doch „liberal“-konservativ sind und der totalitären Entwicklung nicht gleich vorgreifen wollen?

Private Eigentumsrechte werden sowohl in Restaurants als auch in Wohnzimmern verletzt. Wenn ein Wirt in seinem Restaurant das Rauchen erlaubt, dann hat er die Konsequenz möglicherweise fernbleibender Nichtraucher selbst zu tragen. Wenn er das Rauchen verbietet, hat er umgekehrt mit ausbleibender Raucher-Kundschaft zu rechnen. Deshalb hatte sich durchgesetzt, Raucher- und Nichtraucherzonen bereitzustellen, damit alle zufrieden sind. Alle, außer regulierungswütige Politiker und staats- wie verbotsgeile Journalisten. Wo kämen wir auch hin, wenn freiwillig irgendwo geraucht werden darf, nur weil der Eigentümer dies erlaubt. Wo bleibt da der Staat?

Schmids Argumentation ist bestechend: Nichtraucher hätten das Recht, als freiwillige Anwesende im Privateigentum Dritter vom Passivrauchen verschont zu werden. Mit dergleichen Logik könnte Schmid auch fordern, dass Leisehörer in Diskotheken das Recht hätten, von lauter Musik „verschont“ zu werden – denn auch das ist gesundheitsschädlich. Oder von schlechter Lektüre bestimmter Zeitungen. Verbannen wir also erst die Freiheit, dann die Kultur und schließlich auch „Die Welt“ aus dem Befindlichkeitsraum privater Entscheidungen. Und beauftragen wir Behörden mit den Entscheidungen, sobald sich auch nur ein Gast gestört fühlen könnte. Privatsphäre war gestern. Die Zukunft ist neosozialistisch.

Einmal mehr werden von der Politik Gruppen gegeneinander aufgehetzt, die ohne Politik lange bestens und friedlich miteinander auskamen. Arbeitnehmer gegen Arbeitgeber, Mieter gegen Vermieter, Frauen gegen Männer, Schwarze gegen Weiße, politisch Korrekte gegen Meinungsverbrecher, gute Videospieler gegen böse Videospieler, Nichtraucher gegen Raucher. Erst wurden erwachsene Menschen mit absurden und krankmachenden Warnhinweisen auf Zigarettenschachteln traktiert, dann wird den Rauchern das Rauchen und den Eigentümern das Rauchenlassen verboten. Und dann? Wo soll all das hinführen? Der Orwellsche Totalstaat als zeitgemäße Supernanny wird Stück für Stück Realität und sich „liberal“ nennende Mainstream-Journalisten fordern, statt darauf aufmerksam zu machen, immer mehr davon. Gleichzeitig versuchen sie ihrer real verratenen Wächterfunktion dadurch doch noch virtuell gerecht zu werden, indem sie jeden Tag aufgeschreckt und betroffen vor der braun gekleideten Pseudo-Gefahr einiger unzeitgemäßer und geschmackloser Ganzjahreskarnevalisten warnen.

Der verbale Trick, Rauchverbote und damit Freiheits- und Eigentumsverluste als „Nichtraucherschutz“ hinzustellen, ist ja auch der eines wahren Taschenspielerprofis. Schon zuvor wurde etwa ebenso gekonnt per „Mieterschutz“ in die Vertragsfreiheit und Eigentumsrechte von Mietern und Vermietern eingegriffen, so dass Letztere etwa nichtzahlende Mietnomaden auf eigene Kosten immer weiter bewirten müssen. Von den neuen Diskriminierungsgesetzen ganz zu schweigen. Man nennt die Hetzerei und Menschengruppenspalterei dann Politik. Und zahlen müssen wir alle dafür. Auch der Verfasser dieser Zeilen, der seit jeher Nichtraucher ist und der noch niemals ein „Killerspiel“ gespielt hat, der aber den Weg in den Totalitarismus für weitaus gefährlicher hält als etwa den Qualm in Raucherkneipen, in denen er nicht verkehren muss, oder die Ekelhaftigkeit von Videospielen, die er nicht kaufen muss.

„Killerspiele sofort verbieten!“ – unter derselben Überschrift hätte sich Roger Koeppel über den deutschen Verbotsreflex lustig gemacht. „Rauchverbot: Hier hat der Staat versagt“ – auch dieser Titel könnte von ihm sein, versehen mit einem beißenden Kommentar zum Staatsversagen im Allgemeinen und zu Rauchverboten im Besonderen. Vielleicht hätte er auf die reichhaltige Argumentation der britischen „Freedom Organisation for the Right to Smoke Tobacco (Forest)“ zurückgegriffen, die sich unter Beteiligung zahlreicher Nichtraucher dem liberalen Kampf gegen den Gesundheitsfaschismus und für die „Freiheit der Wahl“ verschrieben hat. Es war, wie wir inzwischen wissen, selbst in England ein aussichtsloser Kampf gegen den immer totalitärer werdenden Zeitgeist.

In Großbritannien oder in Deutschland, selbst in der Schweiz, rufen inzwischen fast alle nach mehr Staat und nach noch mehr Politik bis hinein in den heimischen Computer oder Fernseher, ja sogar bis in private Restaurants und bald auch Wohnzimmer. Auch und gerade in Deutschland werden die von CSU über „Springer“ bis Linkspartei so lautstark geforderten Rauchverbote am Ende Gesetz. Also Befehl. Dafür spricht schon die deutsche Tradition. Und die wird nirgends so anschaulich verkörpert wie eben in der vor und nach Koeppel treudeutschen Tageszeitung „Die Welt“.

Was für ein Land und was für eine Zeit, indem eine solche Kampfpostille gegen das Privateigentum nach Überzeugung des Autors die trotz allem noch liberalste, immer wieder auch mal originell und überraschend freiheitliche, jedenfalls insgesamt am wenigsten totalitäre Tageszeitung ist.

Internet:

„Rauchverbot: Hier hat der Staat versagt“

„Emsdetten: Killerspiele sofort verbieten!“

FOREST (Freedom Organisation for the Right to Smoke Tobacco)


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