05. Dezember 2006

ResistantX alias Sebastian B. Er starb aus Freiheitsliebe!

Wie ein sensibler und intelligenter Mensch erst um sein Glück und dann um seine Motive gebracht wurde

Es ist ein kleiner deutscher 9/11, dieser 20. November. Das World Trade Center ist hier flach gebaut und heißt Geschwister-Scholl-Realschule. Glücklicherweise kam diesmal auch kein Unschuldiger ums Leben, sondern lediglich der Täter selbst. Die politischen Folgen aber sind dieselben – mehr staatliche Reglementierung und Überwachung, neue Verbote, paketweise weitere Verluste von Freiheitsrechten.

Konkret: Nachdem in den Medien verbreitet wurde, dass der Amokläufer Sebastian B. vor der Tat in seiner ehemaligen Schule auch in einem Baumarkt gearbeitet hatte, wird das Verkaufspersonal von Baufachgeschäften nun einmal in der Woche von staatlich bestellten Zwangspsychologen heimgesucht. Außerdem werden die Verkäufer von Obi und Hornbach verbeamtet. Elektrische Farbspritzpistolen dürfen zukünftig nur noch ab 21 Jahren erworben werden. Heißschleifgeräte werden staatlich lizensiert. Und die gemeingefährlichen Handakkubohrschrauber werden verboten.

So wäre es vielleicht gekommen, wenn notorische Baumarktfreunde nicht 70 Prozent der Wähler repräsentieren würden. Also mussten sich die Politiker nach anderen Betätigungsfeldern umsehen. Wie praktisch, dass sich Sebastian B. hin und wieder auch gerne mit „Counter Strike“, einem Videospiel, beschäftigt haben soll. Und welch glücklicher Zufall, dass er sich Waffen im Internet gekauft hat. Außerdem ging er ja mal auf diese Schule. Was lag also medial alarmiert politisch näher, als zukünftig regelmäßig Schulpsychologen in die ohnehin staatlichen Schulen zu schicken, bestimmte Videospiele zu verbieten, für andere eine neue staatliche Regulierungsbehörde zu schaffen, das Internet nach chinesischem Vorbild stärker zu kontrollieren und das Waffengesetz einmal mehr zu verschärfen? All dies wurde und wird von Politikern tatsächlich diskutiert und das meiste davon wird – auf Steuerzahlerkosten – auch umgesetzt.

Wie immer, wenn es um voranschreitenden Freiheitsentzug geht, saß Sabine Christiansen am Sonntagabend danach wieder in der ersten Reihe und mitten im Gefecht: Politiker und „Experten“ warfen sich in bester öffentlich-rechtlicher Medientradition die nun anzustrebenden Verbote und Regulierungen um die Ohren. Die TV-Moderatorin und Journalistin Susanne Fröhlich etwa redete sich unter tosendem Beifall von Publikum und Mitdiskutanten in Rage: Für Polizisten, Jäger und alle anderen müsse, so Fröhlich, ein „totales Waffenverbot“ gelten. Die ein wenig eigenwillig anmutende Begründung: „Ich weiß nicht, warum ein Normalsterblicher eine Waffe braucht!“ Zwar wissen auch manche „normalsterblichen“ Zuschauer nicht, warum sie eine Fröhlich brauchen, doch Frau Fröhlich ist kein Kind von Traurigkeit und schwingt, wo sie gerade dabei ist, gleich auch auf anderem Gebiet mit ihrem Verbotshammer. Sowas kommt im Deutschland-TV immer gut an: Des weiteren sei nämlich auch ein „komplettes Verbot“ von bestimmten Videospielen, den von ihr so bezeichneten „Killerspielen“, umzusetzen. Außerdem, so Fröhlich ganz im vorbeisitzen, säßen normalsterbliche Jugendliche zu lange vor dem Fernseher und dem Computer, weshalb dies auch zu unterbinden sei. Beifall. Und um die neuen Reglementierungen besser umsetzen zu können, sei die – folgerichtig wohl staatliche und für alle verpflichtende – „Ganztagsschule das richtige Modell“. Dass Sebastian B. als Ausgangspunkt der Diskussion ausgerechnet auf eine solche Ganztagsschule gehen musste, hatte Frau Fröhlich niemand gesagt. Am Ende weiß sie aber mit Bestimmtheit, dass all diese Ganztagskontrollen den Normalsterblichen teuer zu stehen kommen und weitere Steuererhöhungen nötig machen. Fröhlich: „Es muss einem Staat klar sein, dass das Geld kostet. Wir müssen Prioritäten setzten!“

Vor einigen Jahrzehnten noch wäre Frau Fröhlich als Neofaschistin aus der Sendung geworfen worden. Inzwischen ist der Totalitarismus in Deutschland scheibchenweise wieder eingekehrt und die Hitlers oder Honneckers, die jetzt Beckstein oder Bosbach heißen, rufen längst wieder fröhlich: „Wollt Ihr den totalen Staat?“. Na klar wollen die Deutschen.

Dass das Waffengesetz aufgrund ähnlicher Hysterie nach dem Amoklauf von Erfurt im Jahr 2002 bereits bis ins Groteske verschäft wurde und damit Sport- und Traditionsschützen täglich mit einem Bein im Gefängnis stehen – was macht das schon? Dass sie wie Kinder um staatsbürokratische Lizenzen betteln müssen – so ist´s richtig. Und besonders praktisch ist, dass bei mangelndem Wohlverhalten gegenüber dem Staat die Waffenlizenz umgehend wieder entwogen werden kann. Dass privater Waffenbesitz – viele Amerikaner verstehen das – ein elementares Freiheitsrecht ist, welches Selbstverteidigung der Opfer erst ermöglicht? Wen interessiert das in einem Land ohne Freiheitsverständnis? Verbrecher kommen immer an Waffen. Wie Junkeys an verbotene Drogen. Und die gibt es sogar im Gefängnis. Dass die deutsche Politik die Opfer entwaffnet und das Land Stück für Stück in ein Gefängnis verwandelt – kein Grund, den Freunden Christiansens die Gefolgschaft aufzukündigen!

Die übliche Polit-Tragödie mit komödiantischen Elementen hat im Falle des Amoklaufs von Sebastian B. nun aber auch eine tragische Seite. Denn ausgerechnet der 18-jährige aus dem Münsterland hatte all den weiteren Faschismus höchstselbst vorhergesagt, der auf seine Tat folgen musste. Mehr noch: Seine Tat Verstand er als Warnung, um genau auf diesen sich ausbreitenden Totalitarismus aufmerksam zu machen.

Einen Tag nach seinem Amoklauf mit am Ende 27 Verletzten sollte sich Sebastian B. vor Gericht wegen „unerlaubten Waffenbesitzes“ verantworten. Die Wut vor dem Entzug seines Rechts auf Waffenbesitz motivierte ihn zur Tat. Mit einem Funken Aufrichtigkeit müssten Politiker im Anschluss an den „Fall von Emsdetten“ also eigentlich nicht die Verschärfung, sondern die Lockerung oder besser Abschaffung der Waffengesetze beschließen. Schon allein, um ähnlich motivierte Taten in Zukunft zu verhindern. Aber geht es Politikern um die Sache? Oder um ihre Allmacht?

Sebastian B. hatte in monatelanger Arbeit unzählige Erklärungen im Internet hinterlassen. Vor allem sein Abschiedsbrief legt den Finger in die von ihm geschossene Wunde, in der sich nun Politiker und Medien im bekannt-gekonnten gegenseitigen Zuspiel weiden. Der junge Amokläufer sagt im Abschiedbrief nämlich voraus: „Nach meiner Tat werden wieder irgendwelche fetten Politiker dumme Sprüche klopfen.“ Und was die Medien betrifft: „Ich erkannte, dass die Welt wie sie mir erschien, nicht existiert, dass sie eine Illusion war, die hauptsächlich von den Medien erzeugt wurde.“

Sebastian B. litt stark unter den zunehmenden Reglementierungen und ausufernden Verboten. So schreibt er: „Ich habe in den 18 Jahren meines Lebens erfahren müssen, dass man nur glücklich werden kann, wenn man sich der Masse fügt, der Gesellschaft anpasst. Aber das konnte und wollte ich nicht. Ich bin frei! Niemand darf in mein Leben eingreifen. Und tut er es doch, hat er die Konsequenzen zu tragen. Kein Politiker hat das Recht, Gesetze zu erlassen, die mir Dinge verbieten. Kein Bulle hat das Recht, mir meine Waffe wegzunehmen, schon gar nicht während er seine am Gürtel trägt.“

Sebastian B. war auf Sinnsuche: „Man muss seinem Leben einen Sinn geben, und das mache ich nicht, indem ich mich von Faschisten verarschen lasse, die mir erzählen wollen, wir leben in einer Volksherrschaft. Nein, es gibt für mich jetzt noch eine Möglichkeit, meinem Leben einen Sinn zu geben. Und die werde ich nicht wie alle anderen zuvor verschwenden! Vielleicht hätte mein Leben komplett anders verlaufen können. Aber die Gesellschaft hat nunmal keinen Platz für Individualisten. Ich meine richtige Individualisten, Leute die selbst denken. Und nicht solche ‚Ich trage ein Nietenarmband und bin alternativ’-Idioten!“ Und dann: „Ich will, dass ihr erkennt, dass niemand das Recht hat, unter einem faschistischen Deckmantel aus Gesetz und Religion in fremdes Leben einzugreifen!“

Es scheint fast ein wenig, als habe Sebastian B. den radikalen antiphilosophischen Individualismus Max Stirners und vor allem dessen sehr speziellen Humor studiert, wenn er weiter schreibt: „Ihr habt diese Schlacht begonnen, nicht ich. Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt, eine Welt, die mich nicht sein lassen will wie ich bin. Ihr habt euch über mich lustig gemacht. Dasselbe habe ich nun mit euch getan, ich hatte nur einen ganz anderen Humor!“

Sebastian B. verstand sich nicht nur als ausgesprochener Individualist und explizit als Anarchist, er war auch ein Gegner des Schulzwangs, unter dem er offenbar besonders litt. Konkret schreibt er: „Ein Großteil meiner Rache wird sich auf das Lehrpersonal richten, denn das sind Menschen, die gegen meinen Willen in mein Leben eingegriffen haben und geholfen haben, mich dahin zu stellen, wo ich jetzt stehe: Auf dem Schlachtfeld! Diese Lehrer befinden sich so gut wie alle noch auf dieser verdammten Schule!“ Und fast wissenschaftlich fügt er über Kinder nach der Zwangseinschulung hinzu: „Das Kind begibt sich auf seine perönliche Sozialisationsstrecke und wird in den darauffolgenden Jahren gezwungen, sich der Allgemeinheit, der Mehrheit anzupassen. Lehnt es dies ab, schalten sich Lehrer, Eltern und nicht zuletzt die Polizei ein. Schulpflicht ist die Schönrede von Schulzwang, denn man wird ja gezwungen, zur Schule zu gehen. Wer gezwungen wird, verliert ein Stück seiner Freiheit.“

Bei all seiner Wut und all seinem Verlangen nach Rache an jenen, die ihm Freiheit nahmen, war Sebastian B. ein Familienmensch. Gegenüber seiner Familie bittet er für seine kommende Tat um Verzeihung: „Als letztes möchte ich den Menschen, die mir was bedeuten, oder die jemals gut zu mir waren, danken, und mich für all dies entschuldigen!“

Sebastian B. versteht sein Tun als Weckruf zum Aufstand gegen Zwänge und Gesetze, als Aufruf zur Revolte gegen den ausufernden Staat: „Ich will meinen Teil zur Revolution der Ausgestoßenen beitragen“, schreibt er. Und dann fügt er an zentraler Stelle in Großbuchstaben dick hinzu: „Werdet endlich wach – geht auf die Straße – das hat in Deutschland schonmal funktioniert!“

Was Sebastian B. in seinem bis hier zitierten Abschiedsbrief nicht ahnt ist, dass Medien, Polizei und Politiker diesen Abschiedsbrief wie seine anderen Interneteinträge schon wenige Stunden nach der Tat zensieren und wegsperren. Die „Bild“-Zeitung druckt Auszüge des Briefes in verstümmelter Form und fügt dabei eigene Erfindungen hinzu, um Sebasitan so als „Irren“ und „Monster“ darstellen zu können. Dem Internetmagazin „Telepolis“ verdanken wir es, dass wenigstens der Abschiedsbrief trotz aller Zensurbestrebungen im Original nachzulesen ist. Seine Homepage und einige andere Einträge des ResistantX, wie sich Sebastian im Internet meist nannte, werden von der Polizei erfolgreich geschlossen und kopierte Seiten verschwinden kurz nach Schaltung umgehend wieder aus dem Netz.

Sebastian B. hatte zwar zwar die von Medien erzeugten Illusionen erkannt und deshalb seine eigenen Botschaften im Internet hinterlassen: „Weil ich weiß, dass die Fascholizei meine Videos, Schulhefte, Tagebücher, einfach alles, nicht veröffentlichen will, habe ich das selbst in die Hand genommen.“ Doch er hatte offensichtlich die Macht von Politik, Polizei und Medien unterschätzt.

Die Möglichkeiten, sich ein Bild von Motiven und Hintergründen des Amoklaufs von Emsdetten zu machen, werden systematisch und politisch gewollt beschnitten. Versucht man, das Internet-Tagebuch von Sebastian aufzurufen, erscheint die Aufforderung, den Benutzernamen und das Passwort für „Polizei NRW“ einzugeben. Das „Livejournal“ von ResistantX ist bislang nirgends mehr zu lesen. Sein handgeschriebenes Tagebuch dagegen wurde in einigen kleinen Auszügen von „Stern-TV“ und „Stern-Online“ – ebenfalls zensiert? – veröffentlicht. Darüberhinaus wird es von der Polizei unter strengem Verschluss gehalten. In den von den Tagebuchexperten des „Stern“ veröffentlichten Passagen erfahren wir wie schon aus seinem Abschiedsbrief, dass es Sebastian nicht um irgendwelche Videospiele ging: „Vergleicht man den heutigen Staatsapparat mal mit dem von Hitler, wird man ganz schnell feststellen, dass es die alte Suppe in neuen Dosen ist, was man uns hier als Politik verkaufen will!“ Möglicherweise hat er diesen Gedankengang im Weiteren begründet, doch vom „Stern“ erfahren wir dies nicht.

Immerhin verdeutlichen die „Stern“-Tagebuchausschnitte noch einmal das Freiheitsverständnis von Sebastian. So schreibt er am 10. August 2006: „‚Normal’ ist Ich! Jeder definiert ‚normal’ anders, jeder definiert es für sich selbst! Ist es zuviel verlangt, in Ruhe gelassen zu werden? Wird man heutzutage verurteilt, wenn man von allen nichts wissen will, sondern sein Leben leben will? Ja! Dann kommen nämlich Scheißbullen und packen dich ein. Eigene Meinung ist längst nicht mehr erlaubt. Drecksstaat!“

Auch seine tiefere familiäre Bindung wird bestätigt. So schreibt er einen Tag vor der Tat: „Dies ist der letzte Abend, den ich erleben werde. Ich sollte glücklich sein, aber irgendwie bin ich es nicht. Es ist wegen meiner Familie. Sie sind alle gute Menschen und ich werde ihnen morgen wehtun. Es ist traurig, dass ich sie nach morgen früh nicht mehr wieder sehen werde. Zu denen, die ich liebe, sage ich: Dies alles tut mir so leid.“

Sebastian hinterlässt zwei jüngere Geschwister, den Vater, der Postbote ist und die Mutter, die Hausfrau ist, sowie die mit ihnen im Einfamilienhaus lebende Oma. Sein geliebter Opa war vor zwei Jahren gestorben. Viele seiner Mitschüler, die ihn quälten, leben in zerrütteten Familien- und Sozialverhältnissen. Sebastian erfuhr das Elend nicht zuhause, sondern durch die Schule.

Auch in seinem Abschiedsvideo, welches im Internet unter anderem auf Youtube.de zu finden ist, spricht ResistantX von „zwei Gründen“ für das geplante Massaker: Schule und Politik.

Eigenartig, dass eine derart tief begründete Handlung als Einzeltat eines irren Amokläufers hingestellt wird, während geistig verwirrten Massenmördern wie Osama bin Laden oder Che Guevara und notorischen Schlägern und Gewaltphantasten wie Andreas Baader oder Karl-Heinz Hoffmann stets politische Motive attestiert werden. Vielleicht deshalb, weil das politische Motiv von Sebastian am Ende weniger wirr war als das der rinken, lechten oder religiösen Spinner? Oder gar, weil er alleine und für sich selbst gesprochen hat? Und weil Politik in welcher Form auch immer nur im Kollektiv anerkannt wird? Oder bringen Politiker und Journalisten den Jungen gerade deshalb um seine ihm so wichtigen Beweggründe, weil sie bei genauerer Betrachtung gar nicht politisch, sondern ja gerade antipolitisch waren?

Sebastian B. hasste die Politik. Und tatsächlich unterscheidet sich nicht nur sein Reden, sondern auch sein Tun deutlich von dem der Politiker. Während nämlich Saddam Hussein, Joschka Fischer oder George W. Bush zumindest indirekt für den Tod unschuldiger Dritter verantwortlich sind, hat sich Sebastian am Ende nur selbst gerichtet.

Bei aller Verlogenheit in den Medien soll eine Perle nicht verschwiegen werden, die sich in der Wochenzeitung „Jungle World“ bergen ließ. Freerk Huisken schreibt dort in einem bemerkenswerten Kommentar: „Als ‚wirr’ gilt also ein Schüler, wenn er die Verlogenheit der Schulideologien anprangert, die seit Generationen allen Schülern eingetrichtert werden.“ Sebastian B. „hat sich als Demonstrationsmittel die brutalste Form von Überlegenheitsbeweisen ausgewählt, die es gibt: Ich bin der Herr über euer Leben und euren Tod. Das ist natürlich für die öffentliche Betroffenheitsgemeinde erst recht verrückt. Denn diese Macht steht allein dem Staat zu, der darf Leute in den Krieg schicken, Leute wegsperren, sie im Notfall erschießen.“ Und, so Huisklen weiter: „Die Schlussfolgerung, dann eben mit Gewalt zu erzwingen, was seine Umgebung ihm aus freien Stücken nicht gewährt, ist auch nicht allein in seinem Kopf geboren. So etwas kennt man, und zwar nicht allein aus historischen Szenarien, in denen der König jedem den Kopf abschlug, der es an Respekt und Anerkennung ihm gegenüber fehlen ließ. Wenngleich heute in dieser Hinsicht im gesamten öffentlichen Leben die Köpfe mehr bildlich rollen. Mit der Rache ist dann die Anerkennungsbilanz wieder positiv, und für Sebastian B. hat sich sein Leben erfüllt. Seine Ehre ist mit Tod und Leid wieder hergestellt. Er ist gestorben auf einem Feld der Ehre, das er sich selbst und ganz für sich ausgesucht hat. Was natürlich schon wieder ein Zeichen von Verwirrtheit ist. Denn das Feld der Ehre bekommt man zugewiesen und man stirbt auf ihm fürs Vaterland und nicht für sich.“

Bereits am 26. Juni 2004 hatte Sebastian bei einem staatlich gefördertern psychosozialen Beratungsnetz im Internet geschrieben: „Ich fresse die ganze Wut in mich hinein, um sie irgendwann auf einmal rauszulassen und mich an all den Arschlöchern zu rächen, die mir mein Leben versaut haben. Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf! Ich weiß selber nicht, woran ich bin. Ich weiß nicht weiter, bitte helft mir!“

Die Online-Sozialarbeiter blieben ihm die gewünschte Rettung schuldig. Von den Schulbeamten, die sich seine Lehrer nannten, und selbst auch Opfer der gleichmachenden Bürokratie sind, ganz zu schweigen.

Es geht hier nicht darum, Sebastian B. zu heroisieren. Denn natürlich wirkt sein Individualismus etwas aufgesetzt. Und er verträgt sich auch nicht ganz mit der Sehnsucht nach Anerkennung, die er nicht zuletzt durch sein kommendes Handeln zu befriedigen suchte. Und richtig, es ging ihm – so ist es bei jedem Täter – ein Stück weit auch um ganz profane Dinge wie eine nicht erwiederte Liebe des Mädchens, das sich ausgerechnet für den bis dahin besten Freund entschied. „Basti“, wie ihn seine Mitschüler nannten, hat nicht minder wütend gemacht, dass manche ihn an der Schule gemobbt haben. Er spricht sogar von Folter.

Selbstverständlich ist auch sein Anarchismus schwärmerisch und nicht an jeder Stelle konsequent oder auch nur durchdacht, etwa wenn er Geschwindigkeitsbegrenzungen oder den Konsum anderer geißelt oder das Töten unschuldiger Menschen indirekt rechtfertigt. Schließlich wirft er dem Staat den Zwang und die Gewalt vor, die er gegenüber anderen anzuwenden beabsichtigt.

Aber Sebastian B. war schließlich weder Doktor der Philosophie noch hatte er in Jura habilitiert. Er war ein 18-jähriger Realschüler, der zudem zweimal die Klasse wiederholen musste.

Und spätestens an dieser Stelle werden Briefe, Tagebücher, Interneteinträge und sein Abschiedsvideo noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive interessant. Schreibt und spricht so – teilweise in recht perfektem Englisch – ein dummer Junge? Oder wirkt er nicht in Ausdrucksweise, Sprachvermögen und seinem politischen und philosophischen Verständnis für einen 18-jährigen Realschüler eher besonders weit und überdurchschnittlich begabt? Wie konnte dieser Junge zweimal sitzenbleiben? Hat nicht vielleicht doch die Schule in seinem Fall derart stark versagt, wie Sebastian gerade dies an vielen Stellen beklagt? Oder liegt die mangelnde Förderung eines Talents sogar am staatlichen Schulzwang und am schulbürokratischen Eintopfsystem selbst, welches Sebastian ebenfalls so heftig kritisiert?

ResistantX hatte am Ende ganz offensichtlich starke Gewissensbisse und kündigte seine Tat wohl auch deshalb an vielen Stellen an, um vielleicht doch gestoppt zu werden. Er hatte sich große Fachkenntnis in den Bereichen Waffenkauf, Waffentechnik und vor allem Waffenanwendung – und Treffsicherheit – erworben. Er ging am 20. November schwer bewaffnet in eine mit Schülern und Lehrern voll besetzte Schule. Und dennoch starb wie durch ein Wunder kein einziger Mensch außer er selbst. Ist es abschließend allzu vermessen, daran zu zweifeln, ob er die Menschen überhaupt töten wollte? Spätestens bei der Tat selbst müssen seine Skrupel ganz offensichtlich so groß geworden sein, dass er einen tödlichen Schuss lediglich auf sich selbst richtete.

Sebastian B. war alles andere als ein irres Monster. Zwei Tage vor der Tat schloss er seinen Tagebucheintrag mit den Worten: „Ich will frei sein! Tod oder Freiheit!“ Er wählte den Tod – für sich. Andere wollte er „aufschrecken“. Es gab schon schlechtere „Märtyrer für die Freiheit“.

Was bleibt? Nach dem nächsten kleinen 9/11 verbieten wir endlich auch den Akkubohrschrauber. Frau Christiansen, übernehmen Sie!

Internet:
Abschiedsbrief
Abschiedsvideo
Freerk Huisken: Schon wieder ein Einzelfall, in: Jungle World Nr. 48 (2006)


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