17. Oktober 2006

Politischer Kindesmissbrauch Kevin aus der Unterschicht

Kinder als Opfer des Staates

Wieder einmal wird im „Fall Kevin“ ein schauderlich ergreifendes Kinderschicksal politisch missbraucht: Der kleine Kevin wird zunächst zum Anlass genommen, verpflichtende staatliche Vorsorgeuntersuchungen für alle Kinder einzuführen. Und 78,5 Prozent staatsgläubige Deutsche schreien begeistert: Hurra! Dann schieben die Politiker zusammen mit ihren Haus- und Hofjournalisten eine noch weitergreifende Debatte hinterher – über die „neuen Unterschichten“, aus denen Kevin schließlich kam.

Was war genau passiert? Kevin wird vor zwei Jahren als Kind einer schwer alkohol- und drogenabhängigen Mutter und eines schwer alkohol- und drogenabhängigen Vaters geboren. Nach der Geburt muss der Säugling entgiftet werden. Zuhause wird er sofort stark misshandelt. Dann stirbt die Mutter – vermutlich wird sie von Kevins Vater ermordet. Der ist seit vielen Jahren hoch kriminell, mehrfach vorbestraft, hat im Gefängnis gesessen und gilt als notorisch gewalttätig. Das Kind wird unter die Vormundschaft des Staates gestellt, nach verschiedenen Heimaufenthalten aber immer wieder zum Vater entlassen. Der ermordet Kevin irgendwann in diesem Spätsommer und steckt die Leiche seines Sohnes in den Kühlschrank neben die Schnapsflaschen, die er regelmäßig leert und auffüllt.

Ein Schicksal, das sprachlos macht, das Tränen in die Augen treibt. Auch bei Politikern. Die sind allerdings weniger schockiert über das Martyrium des kleinen Kindes oder über die Bestie, die sein Vater ist. Sie sind „erschrocken“, weil Kevin doch eigentlich in der Obhut des Staates stand, in ihrer Obhut also. Bremens Bürgermeister Jörn Böhrnsen (SPD) drückt es so aus: „Niemand ist mehr auf den Schutz des Staates angewiesen als Kinder in Not. Es ist ein unverzeihliches Versagen, dass Kevin sich nicht auf diesen Schutz verlassen konnte". Und genau hier beginnt die Debatte verlogen zu werden.

Denn es war nicht nur Kevin, der in ihrer Obhut stand. Es waren auch – und viel länger bereits – seine beiden Eltern, die seit Jahren von Sozialhilfe lebten. Sie waren nicht nur schwer drogenabhängig, sondern hingen auch an der Nadel des Staates. Welche der beiden Abhängigkeiten sie mehr apathisch und im wahrsten Sinne asozial werden ließ, ist schwer zu sagen.

Stellen wir uns vor, die nun so besorgten Polit-Dealer hätten nicht vor vielen Jahren die Droge Sozialstaat allerorts und scheinbar kostenlos und in immer höheren Dosen verteilt. Stellen wir uns vor, Kevins Vater und Mutter hätten arbeiten müssen, um ihr Leben selbst zu finanzieren. Andernfalls hätten sie sich weder Wohnung noch Kühlschrank erlauben können – und vermutlich auch keinen Sohn. Kevin und seine Mutter wären vom regelmäßig arbeitenden Vater während dessen Arbeitszeit verschont geblieben. Mehr noch, dieser hätte wesentlich disziplinierter leben müssen. Wäre er verhaltensauffällig geworden – was in staatlicher Obhut stets der Fall war – er hätte seinen Job verloren. Oder stellen wir uns vor, Kevins Familie wäre von einer privaten oder kirchlichen Hilfsstation persönlich betreut worden, statt von Bürokraten des Sozialamtes. Wäre ein solches Schicksal überhaupt denkbar gewesen?

Erinnern wir uns: Vor etwas mehr als einem Jahr schockierte schon einmal eine Welle von Kindstötungen und Verwahrlosungen die Republik. Damals wagte sich Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) aus der politischen Deckung und sprach von der „Proletarisierung“ als Saat, auf der solche Blüten treiben. Wie oft in der Politik wurde der erste Rufer abgestraft und musste sich öffentlich „entschuldigen“, während heute Kurt Beck (SPD) mit der „neuen Unterschicht“ dasselbe meint und damit eine „wichtige Debatte anstößt“.

Proletarisierung und neue Unterschicht sind aber nur Chiffren für ein Elend, das von der Politik selbst verursacht wurde. Keinem einzigen Mainstream-Journalisten ist im „Fall Kevin“ nachhaltig aufgefallen, dass seine beiden Eltern nicht verheiratet waren. Dabei ist der Grund dafür sehr einfach: Nicht verheiratete Eltern kassieren ungleich mehr Sozialhilfe als Verheiratete. Die Wahrheit ist: Der Staat zerstört seit Jahren konsequent die familiären Bindungen der Unterschichten. Selbst dort, wo einmal geheiratet wurde, hat die Politik insbesondere für Frauen die Scheidungen und das Alleinerziehen so attraktiv gestaltet, dass dieser Weg inzwischen der „normale“ in den Ghettos geworden ist.

Die Debatte wird inzwischen von weiteren Kindesverwahrlosungen, -misshandlungen und -ermordungen begleitet. Die Fälle Karolina und Marco etwa kommen hinzu. Alle diese Kinder wurden wie jene vor einem Jahr in genau den Gegenden gefunden, in denen die Hartz-IV-Empfänger wohnen. Alle diese Kinder waren Kinder von drogen- und staatsabhängigen alleinerziehenden Sozialhilfeempfängern. Ohne Sozialhilfe müssten ihre Mütter arbeiten und würden kaum nebenbei ein Kind ernähren. Mit Kind dagegen erhalten sie soviel Staatsknete, wie sie ohne kaum je selbst verdienen würden. Es sind jene Schichten, in denen dank der Sozialpolitik der nun so betroffen dreinschauenden Politiker Kinder erst in die Welt gesetzt werden, damit es ihre Mütter ohne Arbeit besser haben als ohne Kind und mit Arbeit. Das ist bequem. Und dabei lässt es sich auch viel ungestörter saufen, spritzen, f... – was mitunter neun Monate später unverhoffte Folgen hat – und fernsehen. „Unterschichten-Fernsehen“, versteht sich.

Der typische Einwand an der Stelle ist: „Aber diese Menschen können doch nichts dafür, dass sie arbeitslos sind. Und schon gar nichts für die Massenarbeitslosigkeit“. Und das stimmt. Die Massenarbeitslosigkeit ist genau umgekehrt eine Folge von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld – also der Prämien fürs Nichtstun. Alle anderen Schikanen der Politik wie Überbürokratisierung, Subventionierung, Marktverzerrung, Monopolbildung und vieles mehr senken den Lebensstandard. Aber würde es keine Lohnersatzleistungen geben, würden die Menschen arbeiten, im schlimmsten Fall für einen Euro die Stunde oder weniger. Sie würden arbeiten und damit eigenverantwortlich und selbstbewusst leben. Ins ungestörte und vom Staat alimentierte Saufen, Spritzen und so weiter wurden sie erst von der Sozialpolitik getrieben. Aufstiegswillen? Ist es ein Wunder, dass dieser vollends verloren geht, wenn fürs Fernsehgucken auch die Kohle fließt?

Und das führt uns zurück zur abgehobenen Debatte der Politiker zum Thema. Letztlich geht es ihnen einmal mehr darum, die staatliche Dosis zur kulturellen Proletarisierung erneut zu erhöhen. Große Teile der SPD fordern: „Weg mit Hartz IV“. Also mehr Sozialhilfe. Und die CDU antwortet: „Mehr Geld in die Bildung“. Als wenn staatsabhängige Asoziale an zu wenig staatlicher Betreuung litten.

Auf den ersten Blick haben die Schlagzeilen dieser Tage sogar recht: Erstens: „Der Staat ist für Kevins Tod mit verantwortlich“. Zweitens: „Kevin ist eine Anklage gegen uns alle“ – wie es etwa die „Rheinische Post“ formulierte. Ja, der Staat ist für das Schicksal des kleinen Kevin verantwortlich. Nur eben nicht, weil er zu wenig für ihn tat, sondern weil er viel zu viel für seine Eltern tat. Und „wir“ sind insofern verantwortlich, dass allzu viele von „uns“ in Situationen wie diesen nur nach noch mehr Politik schreien. Die Opfer der neosozialistischen Politik werden auf diesem Wege leider nicht weniger werden.


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