04. September 2006

Christiansen am 3. September Politischer Kindesmissbrauch

Ein Sonntag Abend, wie Orwell ihn nicht besser ausgedacht hätte

Versetzen wir uns einmal zurück in die guten alten 70er Jahre der Bundesrepublik. Die Wände sind braun-orange, die Klamotten noch bunter, die Schwarzen noch richtig konservativ und die Roten noch so richtig sozialliberal. Die Union steht für „Law and Order“ und wirtschaftlich mit Franz-Josef Strauß zumindest verbal für mehr Freiheit. Nach ihrer Ansicht hat der Staat in den eigenen vier braun-orangen Wänden der Familie nichts zu suchen. Die SPD will mit Willy Brandt auch noch die Wirtschaft demokratisieren, klar. Aber im Privaten soll weitgehend „Laissez Faire“ gelten. Jugendliche etwa sollen selbst über ihre Liebesaffären entscheiden dürfen. Und „Denunziant“ – das ist eines der größten Schimpfwörter aller anständigen Linken jener Jahre.

Stellen wir uns vor, wir würden in dieser Zeit einen düsteren Zukunftsroman à la Orwell schreiben wollen, über eine in den Totalitarismus abgleitende BRD im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Natürlich würde der Totalitarismus nicht noch einmal in brauner oder roter Lackierung daherkommen. Nein, wir würden Parteien zeichnen, die rinks wie lechts nun einfach alle für den starken Staat in allen Bereichen eintreten. Wir würden auch nicht direkt ein neues Propagandaministerium erfinden, das wäre zu platt. Viel besser wären weitgehend gleichgeschaltete Massenmedien mit möglichst unkritischen Journalisten.

Vielleicht würden wir eine große Sonntag-Abend-Talkshow erfinden, nennen wir sie „Sabine Christiansen“, mit einer Karikatur einer Journalistin als Moderatorin. Entwerfen wir dazu noch ein Publikum, das bei jedem Vorschlag weiterer Beschneidung von Freiheiten und weiterer Politisierung auch der letzten privaten Nischen johlt und klatsch. Und dann denken wir uns einen spektakulären Fall von Kindesmissbrauch aus und beschreiben eine entsprechende Sendung im fiktionalen Sonntagabendprogramm im Spätsommer des Jahres 2006.

Die meisten Menschen sind sprach- und ratlos, wenn sie an den „Fall Natascha Kampusch“ denken: Ein 10-jähriges Mädchen wird entführt und dann acht Jahre in einem kleinen Garagenverließ gefangengehalten. Als junger Frau gelingt ihr die Flucht. Der Täter bringt sich um. Es sind solche Fälle, die einen an Menschen zweifeln lassen. Ja verzweifeln lassen. Anständige Beobachter halten inne. Politiker wittern ihre Chance.

Wolfgang Bosbach von der CDU zum Beispiel. Bei Sabine Christiansen. Am Sonntag Abend. Er nutzt den „Fall Natascha“, um erst einmal als guter Konservativer „härtere Strafen“ zu fordern. Er brüstet sich damit, das Sexualstrafrecht verschärfen zu wollen. Bisher ist beidseitig freiwilliger Sex ab 14 von Staatswegen legal. In Zukunft, so habe es die Große Koalition bereits intern beschlossen, solle das politisch zugelassene Sex-Eintrittsalter auf 18 erhöht werden. Gleichzeitig fordert Bosbach umgekehrt, Jugendliche möglichst auch nach dem Erwachsenen- und nicht nach dem Jugendstrafrecht zu verurteilen. Wenn also zukünftig eine 17-jährige mit einem 18-jährigen rummacht, freiwillig wohlgemerkt, dann muss jener mit harter Knaststrafe rechnen – nach dem Erwachsenenstrafrecht. Der Konservative sagt’s. Und die „rote Heide“ nickt zustimmend. Das Publikum applaudiert begeitert. Bosbach möchte dann auch gleich noch den Blockwart im Deutschen reaktivieren: „Niemand will neugierig sein, aber wir sollten Interesse zeigen für den anderen.“ Heide Simonis fügt noch hinzu, dass man nicht nur aufmerksam den Nachbarn beobachten, sondern lieber auch einmal zuviel „die Behörden informieren“ solle. Die neuen Denunzianten im Publikum applaudieren abermals. Und Willy Brandt dreht sich im Grabe.

Wir erinnern uns, Heide Simonis war jene Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins, die als „Pattex-Heide“ in die Geschichte einging, da sie auch nach ihrer vierten Abwahl die eigene Niederlage nicht wahrhaben wollte. Insofern ist die heutige UNICEF-Vorsitzende als Expertin in einer Sendung über psychisch Gestörte nicht ganz deplaziert. Aber die einstige SPD-Grandin, die ihren Geltungsdrang zwischenzeitlich durch mehr oder weniger geglückte Tanzeinlagen bei RTL stillte, will bei „Christiansen“ mal wieder Spitzenpolitikerin für eine Nacht sein. Weshalb sie die schlimmen Einzelfälle des Kindesmissbrauchs gleich zum „gesellschaftlichen Problem“ von „uns allen“ hochstilisiert. „Frau Christiansen“ nickt betroffen. Und dann spricht Simonis aus, was jeder Politiker ohnehin meint, wenn er „gesellschaftliche Problemen“ zu erkennen glaubt: Ja, der Staat solle zuständig sein und in den Familien mehr nach dem Rechten sehen: „Die Jugendämter müssen noch stärker kontrollieren, was in den Familien passiert und schneller eingreifen“, so Simonis. Sie fügt hinzu: „Wenn man sich um bestimmte Sachen kümmern will, dann muss man auch überlegen, ob man sich alles leisten kann, nämlich jede Steuersenkung. Und ich glaube: nicht mehr.“ Der Staat müsse weit mehr als bisher schon präventiv in Familien herumschnüffeln, um „Missstande schon im Ansatz“ zu vermeiden. Das Publikum ist begeistert. Und während Strauß sich im Grabe dreht, stimmt der schwarze Familienmensch Bosbach zu.

Solch eine Sendung ist nur ein Beispiel für den hemmungslosen Etatismus unserer Tage. Für die völlige moralische Verwahrlosung von Politik und Medien. Teilweise muten Politiker mit ihren Aussagen heute nur noch skurril an, etwa wenn sie unmittelbar nach der größten Steuererhöhung der Geschichte „keine weiteren Steuersenkungen“ mehr sehen wollen. Oder wenn sie freiwillige Liebesbeziehungen von Jugendlichen mit Sexualmorden verwechseln. Oder wenn sie härtere Bestrafung für Täter fordern, die sich gerade selbst umgebracht haben. Doch das Bedrückendste sind nicht die Politiker und auch nicht die Medien. Es ist das Publikum, das bei aller Absurdität weder lacht noch beim verstärkten Marsch in den Totalitarismus auch nur leise protestiert – sondern begeistert Beifall klatscht.

Dieses Publikum bemerkt vermutlich nicht einmal, dass durch die üblichen Quoten-„Experten“ durchaus auch vernünftige Stimmen zum Thema zu hören sind. Während nämlich die beiden Politiker und die Journalisten-Karikatur politisch-publizistischen Kindesmissbrauch betreiben, erfahren wir in einem leisen Nebensatz eines dieser Experten, dass die Fälle von Kindesmissbrauch in den letzten Jahren stark rückläufig sind und in den 50er Jahren auf dem Höchststand waren. Das spricht wenig für ein „akutes gesellschaftliches Problem“. Die Tatort-Schauspielerin Sabine Postel bemerkt, dass die weitaus meisten Fälle von Kindesmissbrauch und -verwahlosung in „bestimmten unteren sozialen Schichten“ geschehen. Insofern ist Kindesverwahrlosung ein Problem breiter Proletarisierung. Einer bekannten Folge des zunehmenden Sozialismus also. In jedem Fall bleiben es konkrete Fälle bestimmter Täter, für die „wir alle“ weder verantwortlich sind, noch werden „wir“ sie in Zukunft verhindern können. In einer Zukunft, die allerdings schon bald noch weit mehr Staatsallmacht und Staatskontrolle zeigen wird, als Orwell es nur für möglich hielt. Das betrifft dann tatsächlich „uns alle“: Politiker, Bürokraten und Moderatoren als Täter. Und den Rest als dümmlich applaudierenden, totalpolitisierten Nettosteuerzahler und willfähriges Opfer.


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