23. August 2006

Make love not law Mit Bärbel Höhn in der Nachtbar

Rauchverbote. Oder: Die Wiederkehr des Totalitären

Sie sitzen mit Freunden in einer Bar. Gute Gespräche bei leiser Musik, gewagte Cocktails und der würzige Duft einer vereinzelten Pfeife prägen das entspannte, mitternächtliche Bild. Plötzlich fliegt die Eingangstüre auf. Bärbel Höhn stürmt in den Raum, begleitet von schwerbewaffneten Bodyguards. Suchscheinwerfer blenden Ihren Blick, bis grell-bläuliches Neonlicht zuletzt die ganze Bar in ein zugrifftaugliches Revier verwandelt.

Nun marschiert Bärbel Höhn von Tisch zu Tisch, von Stuhl zu Stuhl, entlang der Bar und längs des Flügels. Alle Zigaretten ergreift sie wortlos, aus Aschenbechern, aus Händen, aus Mundwinkeln, und wirft sie behende in einen bereitgehaltenen Eimer, auf dessen Boden sie sogleich zischend verglühen.

Kein Zweifel: Eine private Bärbel Höhn hätte nach einem solchen Auftritt schwerste staatsanwaltschaftliche Untersuchungen zu gewärtigen. Hausfriedensbruch? Diebstahl? Nötigung? Beleidigung? Räuberische Erpressung? Schwerer Raub in Bande und mit Waffen?

Nach alledem ist nur zu verständlich, dass Bärbel Höhn sich eine andere Welt wünscht. Eine Welt der staatlichen Rauchverbote auch in privaten Gaststätten, Bars und Restaurants – und natürlich für sich selber wieder ein staatsbehördliches Amt, um in Situationen wie der beschriebenen eifrig legal und staatsanwaltschaftlich unbehelligt vollstrecken zu dürfen: „Licht an! Kippe aus! Name und Anschrift?“

Totalitären Staaten ist bekanntlich unausweichlich und namensgebend wesenseigen, dass sie nicht nur absolut, sondern darüber hinaus eben total sind. Sie maßen sich an, die Leben ihrer Bürger total und allumfassend bis ins Einzelnste, Kleinste, Geringste, bis ins Privateste zu regeln und zu gängeln. Ebenso prägend ist aber auch, dass die totalen obrigkeitlichen Drangsalierer nie offen erklären, zur Befriedigung und Erfüllung eigener Machtgelüste zu agieren. So muss nicht erstaunen, wenn auch die Bärbel Höhns unserer Welt ihr Werken am Wiedererstarken des Totalitarismus mit den selbstverständlich besten Absichten erklären: „Wenn andere gefährdet werden, dann hört der Spaß auf“, verbreitet sie televisionär. Ob ihr tatsächlich nicht bewusst ist, dass der Spaß schon an ganz anderer Stelle endet? Denn die nackte und bloße Diagnose, irgendwer werde gefährdet, löst für sich gesehen noch nicht im Ansatz irgendeinen politischen Handlungsbedarf für Zwangsaktionen aus! Was Bärbel Höhn nicht sieht – oder, besser gesagt, nicht sehen will – ist: Niemand wird gezwungen, sich dem Rauch einer Nachtbar auszusetzen! Wer diese eigene Gefährdung nicht wünscht, dem steht es völlig frei, sich nicht in dieses Lokal zu begeben! Niemand wird in diesem Land – jedenfalls bislang nicht, möglich scheint aber inzwischen fast schon wieder alles – gezwungen, ein derart verrauchtes Etablissement zu betreten. Schankwirtschaften sind nun einmal etwas anderes als Justizvollzugsanstalten oder städtische Grundschulen. Nicht einmal das Allgemeine Gleichverdiskriminierungsbehinderungsgesetz scheint uns zu nötigen, einen egalitären Besuch von Nichtraucher- und Raucherrestaurants privatim zu pflegen. Wo also, bitte, ist das Problem, Frau Höhn?

Was die Sache so besonders gefährlich macht, ist der Umstand, dass Bärbel Höhn augenscheinlich zeitgleich mit Herrn Horst Seehofer über dieses Totalitätssegment sinniert, die beiden also allem Anschein nach gleichsam eine Art gesamtdeutsche grün-schwarze Vorkoalition erproben. Ausgerechnet Horst Seehofer, mag man aufschreien. Ausgerechnet gerade der, der mit seiner bekanntermaßen lernresistent fortgeschriebenen Gesundheitsplanwirtschaft wahrscheinlich mehr Menschen in Deutschland an Leib und Leben gefährdet hat, als aller Kneipenrauch der bundesrepublikanischen Wohlstandsgeschichte zusammen.

Was wird uns diese Größtkoalition der Totalkontrolleure nach ihren Bußgeldphantasien gegenüber nikotinrauchenden Minderjährigen als nächstes bescheren? Eine föderale „task force“ gegen Knoblauch am Arbeitsplatz? Ein nationales Bündnis gegen Achselschweiß? Fördergelder für Geringverdiener zur Stärkung des Kampfes gegen billiges Parfum? Einen internationalen Krieg gegen übelriechende Pudel?

Wann, Frau Höhn, werden Sie mir endlich so viel staatsbürgerliche Bewegungsfreiheit belassen, wie Sie sie einer Legehenne als selbstverständlich zugebilligt wissen wollen?

Internet:
www.baerbel-hoehn.de


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